Hauswald ist jung genug, sein Land bei der Weltmeisterschaft 2006 ins Endspiel zu schießen, und vielleicht ist er sogar gut genug. Aber das wird nicht reichen: Die meisten seiner Vorgänger in der Juniorennationalmannschaft haben es nicht mal in die Zweite Bundesliga geschafft, Stürmer wie Klauß, Lenhart, Parotta, Jörres, Lühring kennt heute keiner mehr. Jungen, die jahrelang als die Besten ihres Jahrgangs galten, scheinen, wenn sie erwachsen werden, einfach ins Seitenaus zu fallen. Für Martin Hauswald beginnt jetzt diese kritische Phase: Wenn er Fußballprofi werden will (statt Bürokaufmann, sein Lehrberuf) wird er den Verein bald verlassen müssen.

An einem Freitagabend im August spielte seine Mannschaft in Halle. Das Flutlicht verlieh dem Spiel die feierliche Atmosphäre einer internationalen Begegnung, aber der Schein trog: Oberliga Nord-Ost, Staffel Süd, drei Klassen unter der Ersten Bundesliga. Kurz vor der Halbzeit - Dresden-Nord lag mit 0:1 zurück - bekam "Hausi" den Ball etwa an der Mittellinie zugespielt. Er hätte ihn stoppen und sichern können, aber er wählte die riskantere Variante, nahm ihn im Laufen an, sich dabei nach vorn drehend, beschleunigend, den Ball in seinen Lauf einfädelnd, ihn gleichzeitig vor dem Gegner abschirmend. Er war schon fast vorbei, aber dann stolperte er, und der Ball landete bei seinem Gegenspieler. Hauswald blieb stehen und sah zu, wie aus zwei langen Pässen ein Konter wurde. Als wenige Sekunden nach seinem Fehler das 0:2 fiel, schlug er die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf, als sollten alle sehen, dass er sich seiner Schuld bewusst war.

Sein Trainer sagte später, dass die Szene symptomatisch war. Typisch, sich für die schnellere Variante zu entscheiden. Dass er dabei den Ball verloren hatte, "ist ein Hinweis darauf, dass der Martin im Moment sein Leistungsvermögen nicht hundertprozentig abrufen kann". Warum hatte er nicht versucht, den Ball zurückzuholen? Der Trainer wollte nicht, dass es so rüberkam, als wäre der Junge nicht motiviert, vielleicht war er einfach so sehr daran gewöhnt, dass seine Tricks klappten, "der ist überrascht, dass ihm das passiert".

Am Ende verlor Dresden mit 1:2. Hauswald hatte schlecht gespielt, und warum das so war, dafür gab es so viele Erklärungen, wie es Männer gab, die etwas von ihm wollten. Sein Spielerberater sagte: "Der Martin ist zu gut für das Team, der kriegt zu wenig Bälle. Dresden-Nord zu spielen heißt für jeden Gegner, Hauswald auszuschalten, und das ist ja eine brutale Liga. Ich mache mir Sorgen, dass der Martin hier verletzt wird, große Sorgen."

Am Tag vor dem Spiel hatte ich den Spielerberater auf seiner Dachterrasse getroffen, auf einem dieser Stalin-Altbauten in der Berliner Karl-Marx-Allee. Das Penthouse haben sie ihnen nach der Wende obendrauf gesetzt, da, wo zuvor ein kollektiver Wäscheplatz war. Es muss schön gewesen sein, die Hemden in diesen Himmel zu hängen, "die Nachbarn kamen lange noch her, um hier ihre Wäsche abzulegen, aber dann habe ich ihnen sagen müssen, dass das nicht mehr geht. Aber sie können natürlich jederzeit auf einen Kaffee vorbeikommen." Henry Hennig, 46, ehemaliger Drittligaspieler, dann Journalist, arbeitet seit einem Jahr als Spielerberater. Sein Name mag etwas halbseiden klingen, aber er hat in der Branche einen guten Ruf. Einer, der seine Spieler nicht nur verkaufen will, sondern sich "ganzheitlich" um sie kümmert. Das heißt, er hilft ihnen bei der Wohnungssuche, erklärt Provinztrainern, dass Berliner Jungs eben vorlauter sind, denkt an Geburtstage und nicht nur an seinen Profit (weshalb er bisher auch noch keinen Profit gemacht hat).

Er hatte für Martin ein Angebot aus der dritten Liga, von Tennis Borussia Berlin. Ein Wechsel würde ihm 10 000, 20 000 Mark Provision bringen und dem Jungen ein gutes Einkommen. Hennig schenkte Kaffee nach, drehte ein Blatt Papier auf seine leere Seite und notierte: "GH: 7000/8000. Wohn- Fahrtkostenzuschuß: 1000. Pro Spiel 750/1000. Pro Punkt: 600 bis 1000." Ein guter Start, sagte er, und eine echte Chance: Sein Klient würde in einer sehr jungen Mannschaft spielen, die von einem ehemaligen Jugendkoordinator trainiert wurde. Aber die Zeit drängte, TeBe kämpfte gegen den Abstieg und brauchte dringend Verstärkung, der Junge sollte noch vor der Winterpause wechseln. Und Martin hatte seinem Dresdner Trainer bei einem gemeinsamen Abendessen im Sommer versprochen, dass er noch für eine Saison für Nord spielen würde.

Das sei natürlich zu respektieren, sagte Hennig am Donnerstagnachmittag.