In der Figur des mittelständischen Unternehmers Fritz Kiehn wird erkennbar, wie das NS-Regime funktionierte und warum es auf so viel Unterstützung stieß.

Kiehn, Jahrgang 1885, der sein Vermögen in der Inflationszeit 1923 gemacht hatte, blieb trotz seiner Fabrik nur der Zweite in der württembergischen Kleinstadt Trossingen. Das Sagen hatten die Hohners, die "Harmonikakönige".

Da kam die NSDAP gerade recht, konnte man es doch mit ihr den lokalen Honoratioren einmal richtig zeigen. Kiehn wurde aktives NSDAP-Mitglied und zog 1931 mit Aplomb in den Stadtrat, ein Jahr später in den Reichstag ein. Er knüpfte Beziehungen zu hochrangigen Nazis, sorgte sogar für einen Auftritt Adolf Hitlers im benachbarten Schwenningen und galt bald bei den Trossingern als Mann von Welt, der die Zeichen der Zeit erkannt hatte.

Selbstverständlich stieg Kiehn nach der Machtübernahme 1933 auf, wurde "Führer der württembergischen Wirtschaft". Seine Vorstellungen vom neuen Reich waren recht traditionell. "Volksgemeinschaft" verstand er ganz dynastisch. Er agierte als strenger, aber guter Fürst, der seine Trossinger liebte, den Vereinen großzügig spendete und selbst den schwarzen Schafen, sprich den Kommunisten und Sozialdemokraten, eine zweite Chance gab. Aber Kiehn wollte mehr als nur "König von Trossingen" sein. Er wollte ganz nach oben, mit dubiosen Aktiengeschäften und skrupellosen "Arisierungen" ein Großindustrieller werden. Er ließ sich seine Beziehungen etwas kosten, war Mitglied im so genannten Freundeskreis Reichsführer SS, der vor allem Spenden für Himmlers Organisation sammelte, und verheiratete seine Tochter mit einem hochrangigen SS-Funktionär. Doch war der Konflikt mit anderen, ebenso habgierigen Haien unausweichlich, und selbst seine exzellenten SS-Kontakte verhinderten nicht, dass Kiehn immer wieder in die Schusslinie rivalisierender Nazis geriet.

Wie sehr Vetternwirtschaft, Kameraderie und gemeinsame Bereicherung auf Kosten der jüdischen Vermögen die Grundlage dieses Regimes bildeten, schildern die beiden Autoren in dichten, materialreichen Kapiteln.

Antisemitisch war man sowieso, und hundertfünfzigprozentiger Nazi brauchte man gar nicht zu sein, um dieses System, das den "arischen" Volksgenossen Herrschaft und Wohlstand verschaffte, zu stützen.

Natürlich rückten 1945 die Trossinger scharenweise von Fritz Kiehn ab, der vom "König" zum "Kriegsverbrecher Nr. 1" avancierte. Er selbst wurde interniert, seine Fabrik unter französische Treuhänderschaft gestellt. Aber durfte man übersehen, dass sein Betrieb der zweitgrößte Steuerzahler und Arbeitgeber in Trossingen war? Und so kehrte Kiehn nach und nach wieder an seinen Platz zurück - nein, nicht ganz. Denn die Hohners machten rasch klar, dass ihm wie vordem nur der zweite Platz am Ort gebührte. Über Kiehns Vergangenheit wurde bis zu seinem Tod 1980 nicht gesprochen allein Fritz Erler kämpfte Anfang der fünfziger Jahre einen vergeblichen Kampf gegen den "NS-Wirtschaftsführer" und SS-Förderer.