Mitleidlose Statistiker werden uns jetzt darüber belehren, dass jede Fahrradtour gefährlicher sei als eine Reise durch den Montblanc-Tunnel, jede Besteigung einer Küchenleiter riskanter als eine Fahrt aufs Kitzsteinhorn.

Den Opfern der Bergbahnkatastrophe und ihren Angehörigen helfen solche Weisheiten nicht.

Für viele Menschen aber hätte es der neuerdings sich häufenden Tunnelunglücke gar nicht bedurft, um die eigene Tunnelangst plausibel zu finden. Sie fürchten die Fahrt durch den Fels oder unterm Wasser hindurch, sie nehmen lieber Fährpassagen oder Passfahrten in Kauf, benutzen lieber den Bus, als in die Schächte der U-Bahn hinabzusteigen.

Das Eingeständnis der Tunnelangst scheint schwieriger zu sein als das der Flugangst. In manchen Naturvölkern aber lebt bis heute die Vorstellung, dass es frevelhaft sei, gewaltsam in den Leib der Erde einzudringen. Ethnologische Berichte erzählen davon, wie sich unsere Vorfahren durch Höhlenmalereien und magische Praktiken den Schoß der Erde geneigt machen wollten, damit er fruchtbar bleibe.

Später erst, mit dem Abbau der Erze, beginnt der Generalangriff des Menschen auf die scheinbar tote Materie, und heute verschwendet kaum einer, der mit dem ICE durch die Tunnel jagt, einen Gedanken an die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs. Vielleicht beschleicht ihn ein leises Unbehagen, wenn die Dunkelheit lange währt. Vielleicht erinnert er sich daran, dass die Alten Gaia, die Erde, als die erste Gottheit verehrten, und vielleicht kennt er Friedrich Dürrenmatts apokalyptische Erzählung Der Tunnel, wo aus einer alltäglichen Eisenbahnfahrt eine Höllenfahrt wird. "Gott ließ uns fallen und so stürzen wir denn auf ihn zu", lautet der letzte Satz.

Das Bergbahnunglück von Kaprun ist weder ein Beweis für irgendeine Naturreligion, noch ein Beweis gegen die heutige Wissenschaftsreligion. Es erinnert uns lediglich an die unbekömmliche Tatsache, dass das Unverfügbare mit dem Ausmaß des Verfügbaren wächst.

Und zweitens daran, dass unsere Ängste nicht immer irrational sind. U.G.