Nun streiten sie wieder: Rot-Grün wie gehabt? Fast vergessen der Sommer des geräuschlosen Koalitionsmanagements, als selbst brisante Konflikte wie die Ölpreiskrise von den Regierungspartnern einvernehmlich bewältigt wurden.

Stattdessen werden Erinnerungen an den rot-grünen Dauerkonflikt des Anfangs wieder wach. Und doch ist die Szenerie verändert: Der kleinere Koalitionspartner will offenbar nicht mehr automatisch nachgeben, wenn die SPD nur laut genug auftrumpft. Das irritiert die Führung der Sozialdemokraten. Fraktionschef Peter Struck klagt über die neue Profilierungssucht der Grünen beim Thema Rente und Gesundheit.

Generalsekretär Franz Müntefering versucht es mit dem angestammten Paternalismus gegenüber dem Partner: "Die werden sich schon wieder einkriegen."

Doch darauf kann sich die SPD nicht mehr ohne weiteres verlassen. Unter ihrer neuen Parteiführung agieren die Grünen erkennbar selbstbewusster als in der Vergangenheit. Erstmals in der Geschichte der Partei bedeutet die Doppelspitze nicht mehr die automatische Selbstlähmung der Führung, erstmals funktioniert auch die Koordination zwischen Partei, Fraktion und Kabinettsmitgliedern. Es mag vielleicht etwas übermotiviert anmuten, wie Renate Künast und Fritz Kuhn gleich zu Beginn ihrer Amtszeit das langjährige Vakuum an der Parteispitze mit Strategien und Konzepten aufzufüllen trachten.

Doch am Willen der Führung, die Partei wieder kenntlich zu machen, die sich nach zwei Jahren an der Macht in die politische Orientierungslosigkeit manövriert hat, lässt sich kaum zweifeln. "Der Modernisierung eine Richtung geben" lautet die schöne Losung. Es geht um "Strategien für eine Industriegesellschaft, die nicht länger von der Substanz lebt", erklärt Fritz Kuhn. Oder um "einen Sozialstaat, der nicht mehr nur in der Gegenwart Gerechtigkeit schafft, sondern auch die Handlungsspielräume künftiger Generationen offen hält".

Der offensiv vorgetragene Anspruch, die Grünen als "Reformmotor" erkennbar zu machen, knüpft an eine Tradition aus der vergangenen Legislaturperiode an, als sich ein Teil der grünen Bundestagsfraktion als Vorkämpfer für nachhaltige Sozial- und Finanzreformen profiliert hatte. Mit dem Einstieg in die Regierung jedoch war auch der Charme der grünen Reformer schnell verblasst. Bei den Koalitionsverhandlungen gaben Lafontaines Wahlversprechen die Linie vor. Als dann aber - nach dem Abgang des SPD-Vorsitzenden - die Sozialdemokraten bei Rente, Steuer und Haushalt auf Reformkurs gingen, waren die Grünen kaum mehr sichtbar. Zwar hatten sie lange vor der SPD für eine nachhaltige Finanzpolitik oder eine generationengerechte Rentenreform plädiert. Doch als die Koalition sich in diese Richtung bewegte, war von grüner Reforminitiative nichts mehr zu spüren.

Warum also gerade jetzt, fragen sich Müntefering, Struck und Co. angesichts der Hartnäckigkeit, mit der die Grünen plötzlich für den Beginn der Rentenreform noch in dieser Legislaturperiode kämpfen oder die Verlagerung der Kosten für die Invalidenrente auf den Etat der grünen Gesundheitsministerin zu verhindern suchen.