Als der glänzende Frankfurter Intellektuelle nach langer Reise in der Provinz eintraf, um fürderhin als Staatsminister der Regierung zu dienen, bot sich ihm ein Bild der Verwüstung. Von Kleinstaaterei zermürbt, an eine unselige Vergangenheit gekettet, aller kulturellen Identität beraubt, dämmerte das einst stolze Land stumpfsinnig vor sich hin. Überall, sogar im Theater, war das deutsche Elend mit Händen zu greifen. Fassungslos sprach Johann Wolfgang Goethe, um den handelt es sich, zum Großherzog Carl August: "Zentralismus schadet nicht." Und dann forderte er eine neue Staatskultur mit Staatstheater, Staatskunst und Staatsgeist.

Als Michael Naumann von New York kommend in Berlin eintraf, um in der künftigen Regierung seinen Dienst zu versehen, stiess er auf ein von Föderalismus verwüstetes Land. Es war an seine Vergangenheit gekettet und seiner kulturellen Identität beraubt. Nur der Wiederaufbau des Stadtschlosses bot Aussicht auf eine schönere Zukunft. Und so erwirkte der Anwärter eine Audienz bei seinem künftigen Kanzler ...

Um das Wirken und Weben des Kulturstaatsministers Michael Naumann ranken sich geheimnisvolle Geschichten und schönste Mutmaßungen. Kein Mitglied der Bundesregierung gibt der Welt so viele Rätsel auf, keiner bietet ihr so viel Anlass zu opaken Hoffnungen und vagen Befürchtungen. Was Hans Eichel politisch will, weiß jedes Kind, nur bei Michael Naumann geht es zu wie im Märchen. Der Staatsminister gibt die Prinzessin, umlagert von Hofweisen, die sich den Kopf darüber zermartern, welche Erbse sich das Wesen diesmal in den Kopf gesetzt hat.

Für Kanzler Schröder ist Naumann eine Göttergabe. Er schützt die kulturelle Flanke der Regierung, hält die Intellektuellen bei Laune und zählt politische Erfolge sonder Zahl. Naumanns Bilanz ist eindrucksvoll. Er brachte den Architekten Peter Eisenman mit diplomatischem Geschick dazu, seinen Entwurf für das Holocaust-Mahnmal zu überarbeiten

binnen kurzem renovierte er das Stiftungsrecht, belebte den Kulturausschuss, erhöhte den Kulturetat, wehrte unbefugte Angriffe auf die Buchpreisbindung ab und half, welch Glücksfall, beim Erwerb der Sammlung Berggruen. Mit einem handgefütterten Tross trojanischer Pferde fördert er das kulturelle Prestige der Hauptstadt und wirkt zum Wohl der wiedervereinigten Nation. Kein anderer zieht kritischen Journalisten so elegant den Scheitel, kein anderer zeigt der Deutschen Welle so taktvoll das Stöckchen. Dass konservative Konsensintellektuelle, die seit Jahren einer berlinzentrierten Zustimmungskultur das Wort reden, aus Gewohnheit über Naumann herfallen, ist nichts als diskrete Heuchelei. Sie haben es sich bis heute nicht verziehen, dass der Kulturstaatsminister leider eine rot-grüne und keine hauseigene Erfindung ist.

Wenn es nicht seine Taten sind - was hält dann das Ratespiel um Naumanns Welt in Gang? Vielleicht muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die spekulativen Energien nicht von seiner Person, sondern von der windschiefen Konstruktion seines Amts entfacht werden. Die öffentlichen Rätsel, die Naumann aufgibt, bilden die Außenseite einer institutionellen Unklarheit.

Diese Unklarheit besteht in der Grenzverwischung von Kulturverwaltung und Kulturpolitik, staatlicher Fürsorge und nationaler Sinnstiftung.