Bauten, davor die Zeit sogar sich fürchtet", besang einst ein arabischer Dichter das steinerne Erbe der alten Ägypter. Die Ehrfurcht ist heute meist wissenschaftlicher Neugier gewichen, manchmal auch deren dunkler Schwester, der esoterischen Spekulation. Den großen Pyramiden vor den Toren Kairos wurde dabei schon immer besondere Aufmerksamkeit zuteil - womit sie ihren mutmaßlichen Zweck, ihren königlichen Erbauern Unsterblichkeit zu sichern, bis auf den heutigen Tag erfüllen.

Doch selbst Ägyptologen ist vieles an den Pharaonen, deren "altes Reich" vor 4000 Jahren versank, noch rätselhaft. So weiß man aus Königslisten, wie lange einzelne Herrscher regiert haben - aber nicht genau, wann. Zu wenige schriftliche Dokumente haben spätere Wirren überdauert. Daher müssen sich Forscher mit archäologischen Indizienketten behelfen, die maximal auf 100 Jahre genau sind. "Naturwissenschaftliche Datierungsverfahren wie die Radiokarbonmethode sind für das alte Reich sogar noch unzuverlässiger", sagt der Münchner Chronologie-Experte Marcel Schoch.

Nun allerdings hat die Ägyptologin Kate Spence von der University of Cambridge eine überraschend einfache Theorie vorgeschlagen, die - wenn sie stimmt - das genaue Jahr der Grundsteinlegung der Cheopspyramide liefern würde. In Nature beschreibt Spence ihre Idee: Den Schlüssel liefert ihr die bislang ebenfalls rätselhafte Ausrichtung der Pyramiden. Schon lange wundern sich die Archäologen darüber, wie exakt die pharaonischen Baumeister es verstanden, die Riesenbauten entlang der Nord-Süd-Achse auszurichten. So weicht die Westkante der Cheopspyramide weniger als ein Zwanzigstel Grad von der Richtung zum Nordpol ab. So genau ist kaum ein Magnetkompass - und der war im alten Ägypten noch lange nicht erfunden.

Die Architekten des Pharao mussten sich also an den Gestirnen orientieren.

Dabei nutzten sie die Tatsache, dass sich das Himmelszelt, von der Nordhalbkugel aus gesehen, in 24 Stunden einmal um den Himmelsnordpol dreht - jenen Punkt, auf den die nördliche Verlängerung der Erdachse zeigt. Heute ist es einfach, diesen Punkt zu finden, steht doch fast genau an dieser Stelle der hellste Stern des Kleinen Bären: Alpha Ursae Minoris, besser bekannt als Polarstern.

Die himmlische Richtung variiert mit irdischem Torkeln

Doch zur Zeit der alten Ägypter war das anders. Infolge einer langsamen Torkelbewegung der Erde wandert der Pol in 26 000 Jahren in einer großen Kreisbahn über den Himmel. Vor 4500 Jahren, als die pharaonischen Baumeister die Pyramiden "einzunorden" hatten, befand sich am Himmelspol kein mit bloßem Auge sichtbarer Stern. Die alten Ägypter hätten Norden allenfalls als die Mitte zwischen der westlichsten und der östlichsten Position bestimmen können, die ein polnaher Stern im Laufe einer Nacht erreicht. Solche Messungen waren mit altägyptischen Mitteln tatsächlich möglich.