Eine Dose ist eine Dose ist bekanntlich eine Dose. Ein Sofa ist kein Trampolin, ein Tischtuch keine Serviette, eine Garderobe keinesfalls ein Klettergerüst, schon gar nicht in der Bundesbahn. Es gibt Dinge, die jedes Kleinkind weiß oder zumindest, nach Ansicht der Eltern, oberschleunigst lernen sollte. Ein mühsamer Prozess der Entimprovisationskunst, der sich meist über Jahre dahinschleppt, sich dann aber irgendwo auszahlt. Wer würde schon Kordel kaufen, wenn man Altpapierpacken mit alten Nylonstrumpfhosen verschnürt vors Haus legen könnte, ohne peinlich zu wirken? So weit, so klar.

Was aber ist im Lichte dieser Betrachtung von rosa Luftballons zu halten, die sich ungeniert als Cocktailkleid aufspielen? Von sechs Erdnüssen, die sich zum verknautschten Teddybären zusammenballen, von Autos, die auf sanften Champignonrollen um die Ecke federn, von Gebäudefassaden, die kichern: "Wir sind aus Hundekuchen"? Skandal! Jawohl. Die Bildcollagen der amerikanischen Installationskünstlerin Joan Steiner sind einfach irre, und das kreischende Vergnügen, mit der sich Kinder über die Seiten beugen, klingelt verdächtig nach Schadenfreude. Da! Hier! Bitte! Haste das gesehen!?!

Eine Seite Wohnzimmer, eine Seite Bahnhof, eine Seite Hafenlandschaft. Ein oller Krämerladen. Vor den Fenstern wallen Bandnudelgardinen, hinter dem Fenster dräuen wolkige Brokkolibäume. Zwiebackwege locken in eine Landschaft von olivgrünen Frotteewiesen, eine Hornhaarspange pflügt gedankenverloren über ein breites herbstfarbenes Kordhosenfeld. Die Furchen, die Silhouette, die puschelige Struktur, die typische Maserung - gerade das, was uns gemeinhin ein Zeichen ist, zur Orientierung in der Welt der Phänome dient, führt jetzt in die Irre.

Der Spaß besteht darin, dass man auf den ersten Blick gar nichts merkt. Das ist eine sehr schön fotografierte bunte Rakete, na und. Da steckt ja ein Teigschaber dran, o Gott. Man könnte sagen, dass Steiner die kindliche Kunst des "Wir tun so, als ob" auf die Spitze getrieben hätte. Oder sollte man zugeben, dass der Begriff Warenwelt hier eine monströse Kraft entfaltet? Die Gegenstände, die wir schufen, kommen über uns. Sie übernehmen die Regie. Die Kiwischeibe ist nun Sofakissen. Der Handschuh macht sich als Sofa breit. Die Jalousie blinzelt und schließt sich zur modernen Fassade.

Zu Aberhunderten treten uns die Dinge in diesem Buch entgegen, genauer gesagt: 700 pro Buch, und sie haben unsere gewohnte Welt verschlungen. In der neuen bunten Welt sind eben hübsche, rotbraun gesprenkelte Teppiche aus Salami. Bei ausgewachsenen Kindern kann sich gelegentlich ein kleines ekliges Schwindelgefühl einstellen. Das ist die Kunst. Joan Steiner hat schon das intellektuelle Publikum des New Yorker entzückt. Simpler gestrickte Menschen möchten vielleicht gelegentlich die Augen schließen, aber was ist schon ein Auge, wenn ein Badewannenstöpsel als Lampe von der Decke hängt?

* Joan Steiner: Ich sehe was, was du nicht siehst (Band 1 und 2) Fotografien von Thomas Lindley a. d. Amerik. von Nina Schindler Esslinger Verlag J. F. Schreiber, Esslingen 1999/2000 je 32 S.

und 25,- DM (ab 5 Jahre)