Jugend in Berlin nannte Nicolaus Sombart den ersten von drei Bänden, mit denen er den Versuch unternahm, seine Lehr- und Wanderjahre "wahrheitsgetreu" festzuhalten, mit anderen Worten: seine Lebensgeschichte in Rousseaus und Goethes Art neu zu "erfinden". Wobei dieser erste Band auf exemplarische Weise von der Berliner Kindheit eines 1923 geborenen Glückspilzes erzählte, der aufwuchs zwischen der Bibliothek des berühmten Vaters, des Nationalökonomen Werner Sombart, und dem Salon seiner aus Rumänien stammenden Mutter Corinna, doch zusätzlich in Carl Schmitt, dem Theoretiker des "Führerstaats", einen faszinierenden Mentor besaß. Auch ästhetisch war Jugend in Berlin (1984), die Aura der großbürgerlichen Mandarine noch einmal beschwörend, ein bedeutender Wurf.

Das Buch endet 1945 mit der Entlassung des von den politischen Umbrüchen auffallend unberührt gebliebenen jungen Sombart aus englischer Gefangenschaft als Zielort gibt er Heidelberg an. Und genau hier beginnt, die zeitliche Lücke zwischen der Jugend in Berlin und den Pariser Lehrjahren, die die Phase von 1951 bis 1954 schildern, schließend, der vorliegende Band Rendezvous mit dem Weltgeist, der an Genauigkeit der Szenenbeschreibung wie an Plastizität der Personendarstellung weit hinter dem Kindheitsbuch zurückbleibt.

Denn Sombart ist, so scheint es, in seinen Studien- und Liebesjahren (1945-1951) in Heidelberg nicht recht heimisch geworden, er hat sich eher einige Zentimeter über dem Erdboden schwebend durch die Gassen bewegt.

Hochtrabend häufig ist vom "Weltgeist", "Weltbürgertum", "Weltbürgerkrieg" gar die Rede, doch wenig von der Atmosphäre der Stadt zu spüren, dem (Über-)Lebenswillen der Bürger, Flüchtlinge und Studenten in den vom Hunger geprägten Nachkriegsjahren. Auch fehlt dem Erinnerungsbuch ein organischer Aufbau oder wenigstens ein roter Faden. Es wirkt wie zusammengestoppelt aus mehr oder weniger zufälligen, streckenweise brillant formulierten Fragmenten, die keiner Chronologie oder anderen Systematik folgen.

Was Sombart über die unzerstörte Universitätsstadt zu berichten weiß, bewegt sich oft hart am Kitsch: "Über dem Fluß krümmt sich wie eine kostbare Spange im üppigen Haar die Alte Brücke." Einmal mehr wärmt er all die Heidelberg-Klischees vom "Wunder der Landschaft" und vom "Topos des deutschen Geistes" auf, reiht offene und versteckte Zitate aus den zehner und zwanziger Jahren sowie Selbstzitate aneinander, um die ihm angemessene "Höhensphäre", das "Weltniveau", ein "morphogenetisches Spannungsfeld" zu bezeugen. Er versäumt auch nicht, die aus Martin Greens Klatschbuch über die Richthofen-Schwestern seit Mitte der siebziger Jahre bekannten Liebesbeziehungen Else Jaffés zu Otto Groß, Max und Alfred Weber zu erwähnen, bleibt so ständig im Vorgeplänkel stecken und findet nicht zu seiner Heidelberg-Geschichte. Doch besitzt "cand.phil. Sombart" bereits eine Visitenkarte, arbeitet ein wenig als "Berater" des amerikanischen Theateroffiziers, frequentiert die Weinstuben der Altstadt, sucht intime Feste und große Bälle auf und macht seine ersten Eroberungen: "Ich verführte nicht, ich wurde verführt."

Für die Sorgen des Alltags hat Sombart weder Auge noch Ohr, die Bürger tauchen nur als Spießer, Philister, Nazikarikaturen auf, die der romantisch beschwingte Herrensohn gründlich verachtet. Seine Aufmerksamkeit gilt indes dem Publizisten Dolf Sternberger und der von ihm zwischen 1945 und 1949 redigierten Kulturzeitschrift Die Wandlung, die heute fast vergessen ist. Ja, er plant selbst ein Organ für die Jugend herauszubringen, das den resignativen Titel Die verlorene Generation tragen soll, doch Alfred Andersch ("Er hatte eine kleine Begabung, aber einen eisernen Willen", heißt es boshaft) redet ihm die Sache in München aus und bietet ihm dafür freie Mitarbeit an seiner eigenen Zeitschrift Der Ruf an. Sombart schreibt eh lieber einen kleinen Roman (Capriccio Nr. 1), der bei dem legendären Verleger V. O. Stomps erscheint. Daraus liest er bei der ersten Tagung der Gruppe 47 in Bannwaldsee vor.

Das meiste hat so wenig mit "Heidelberger" Reminiszenzen zu tun wie Sombarts einjähriger Studienaufenthalt mit Familienanschluss bei Benedetto Croce in Neapel 1947, der ausführlich, in biegsamer Prosa dargestellt wird. Was der Autor über den bereits 1920 gestorbenen Max Weber vorzutragen hat ("ein Bismarck der Wissenschaft", "autoritär, präpotent und intolerant"), stammt alles aus zweiter Hand. Harsch auch die späte Abrechnung mit dem väterlichen Freund Carl Schmitt, den wiederum wenig mit Heidelberg verbindet.