Herzle, ich bin fertig, hör zu!" Mit diesen Worten trat er oft nach Tagen und Nächten aus seinem Arbeitszimmer zu Klara in die Küche und begann, ein neues Kapitel vorzulesen. Gesten, Lachen, Tränen, der Mann war nicht zu bremsen, und Klara fand es "... jedes Mal wunderschön".

Der da am heimischen Herd im sächsischen Radebeul die Uraufführung seiner Texte zelebrierte, war ein Popstar des 19. Jahrhunderts, ein Auflagenriese, der das Garn seiner Erzählungen und Romane immer auch in die eigene Biografie hineinverwickelte: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle." Karl May suggerierte sich und seinen Lesern neue Welten jenseits alltäglicher Miseren. Für Hermann Hesse war er der "glanzvollste Vertreter" der "Dichtung der Wunscherfüllung". Und Carl Zuckmayer, der seine Tochter bekanntlich Winnetou nannte (uff), las ihn zwischen Eichendorff und Mörike, Büchner und Kleist, Schopenhauer und Nietzsche. Ihm war Karl May eine "Droge der Selbstvergessenheit /.../, in der gleichzeitig ein unfasslicher Antrieb, eine Stimulierung des eigenen Wunschbildes und Selbstvertrauens enthalten" waren.

Den Virus des Erzählens hat Karl May sich vermutlich schon als zwölfjähriger Knabe zugezogen. Da arbeitete er 1854 in der Hohensteiner Schankwirtschaft Engelhardt als Kegeljunge. Und in dieser Wirtschaft gab es "ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek und zwar was für eine!" Mehr als 1500 Bände, den kleinen Karl ergriff das Lesefieber. "Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich ..."

Frederik Hetmann hat ein Gespür für derartige Episoden und Szenen, in denen er Mays rätselvolle Person ins Licht setzen kann. Es ist eine bemerkenswerte Biografie geworden, denn Hetmann erzählt konzentriert, doch nie anstrengend, eine May-Mixtur aus Lebensweg und Werkgeschichte, aus Rezeptions- und Forschungsgeschichte. Hetmanns Text lässt einfach vergessen, wie schwierig es ist, das alles zu dimensionieren und zu einer durch und durch anregenden Darstellung zusammmenzufügen.

1856 tritt Karl May ins Lehrerseminar Waldenburg ein, bleibt ein Einzelgänger zwischen pedantischen Paragrafen und heilloser Frömmelei. "Arge Lügenhaftigkeit" und "rüdes Wesen" bescheinigen ihm die Schulakten, sechs Kerzen soll er entwendet haben. May wird der Anstalt verwiesen, kann aber nach Gnadengesuch seine Ausbildung in Plauen fortsetzen. In einer Fabrikschule in Altchemnitz wird er eine Anstellung finden und wiederum in eine unselige Geschichte geraten: Es geht um eine Uhr. Diebstahl oder Ausleihe? Mays Aussage klingt plausibel. Was ihm nicht hilft.

Hetmann zeichnet Mays Abrutschen ins Kriminelle nach, nicht ohne den Hinweis, dass Mays betrügerische und hochstaplerische Aktivitäten bisweilen an den Hauptmann von Köpenick erinnern. Indes keine Verharmlosung, von 1870 bis 1874 sitzt Karl May im Zuchthaus Waldheim, Bezirk Leipzig. "Ich muß konstatieren, daß diese vier Jahre der ungestörten Einsamkeit und Sammlung mich sehr, sehr weit vorwärts gebracht haben. Es stand mir jedes Buch zur Verfügung, das ich für meine Studien brauchte." Das Anliegen dieser Biografie ist auch, zu zeigen, "wie ein vom Schicksal benachteiligter und verletzter Mensch sich am Ende am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf, in den er durch seine Torheiten hineingerät und zu versinken droht, herausarbeitet, sich einen Beruf wählt und Erfolg hat".

Der Weg ist freilich lang: 1896 ist so ein Jubeljahr. 147 000 Bände werden da verkauft, der berühmte und überall umdrängte Autor vergoldet den häuslichen Schriftzug: "Villa Shatterhand". May kostümiert sein Arbeitszimmer und sich selbst: Fotografien von Karl Shatterhand und May Ben Nemsi werden vertrieben: ICH bin's! Und manchmal muss auch Hetmann staunen: "Er bringt es fertig, bei einem Vortrag in Graz vor Zöglingen von Adelshäusern spontan eine neue Winnetou-Episode zu erfinden."