Klaus Nonnenmann gehörte schon in den sechziger Jahren zu den literarischen Geheimtipps - um wie viel mehr heute, da er nahezu vergessen ist. Schon damals hieß das immer ja auch: ein zwar von Insidern geschätzter guter und interessanter Autor, freilich ohne nennenswerte Außenwirkung, lies: Auflage. Nonnenmann ist nach dem Kriege, aus dem er schwer verletzt heimgekommen war, in die Literatur hineingeraten, ein Gelegenheitsschreiber, der die Feuilletons bediente, für den Rundfunk arbeitete (der vor allem die jungen Schriftsteller damals ernährte) und frei für einige Verlage die Manuskripte anderer lektorierte.

Dass er erstmals als Schriftsteller in der literarischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, verdankt er einer Lesung bei der Gruppe 47. Dort las er 1959 aus seinem Buch Die sieben Briefe des Doktor Wambach vor, das dann im selben Jahr erschienen ist: eine Reihe von fingierten Briefen einer verlorenen Puppe an ein kleines Mädchen, die ein alter Arzt, Dr. Hubert Wambach, erfindet, um dem Mädchen über seinen Verlust hinwegzuhelfen - ein skurril liebenswürdiges Buch, das auch zeigt, wie die Poesie dem alten Wambach die Leere des Alters vertreibt.

Dass Poesie immer auch eine Form von existenzieller Bewältigungsarbeit sei, und zwar für Autor und Leser, davon war Klaus Nonnenmann stets überzeugt, diese Auffassung war Motor seiner Schriftstellerei. Der treibt auch das Erzählen seines umfangreichsten Buchs an, des fünf Jahre nach den Briefen des Doktor Wambach erschienenen Romans Teddy Flesh oder Die Belagerung von Sagunt. Mit dieser frühen Aussteigergeschichte eines vierzigjährigen Unternehmers feierte der melancholisch-skeptische, aber immer humorvolle Nonnenmann in der Kritik für seine Verhältnisse regelrechte Triumphe: als moderner Erzähler und einfallsreicher Fabulierer, dem die Figuren davonlaufen, um ein oft skurriles Eigenleben zu entwickeln. Wer weiß, vielleicht hat Michael Ende mit seinen Fantasiegeschichten gerade bei diesem Roman von Nonnenmann etwas gelernt.

Nun hat Jochen Greven, einst der überaus verdienstvolle editorische Wegbereiter und Herausgeber Robert Walsers, auch in Klaus Nonnenmann ein lange Zeit vernachlässigtes "Objekt" seiner nachgerade unerschütterlichen Literaturliebe gefunden und einen Band herausgegeben, der Nonnenmann dem Leser mit wichtigen kleinen alten, also bereits veröffentlichten Texten, und etwas längeren neuen Texten aus dem Nachlass ins Gedächtnis zurückholt. Im Zentrum steht das fast 200 Seiten starke, vom Herausgeber maßvoll bearbeitete Fragment aus dem 1972 begonnenen Roman Alle Tage, auf dessen Abschluss Nonnenmanns Verlag (Luchterhand) lange und immer vergeblich gewartet hat - ein Phänomen, das so ausgeprägt nur noch bei Wolfgang Koeppen zu erfahren war.

Das Fragment ist zusammengestellt aus zwei "miteinander verzahnten Haupterzählsträngen", die einen einigermaßen kohärenten Erzählzusammenhang gewähren, um einen Eindruck von diesem Romanprojekt zu vermitteln: satirische Milieu- und liebevolle Genredarstellungen einer Kleinstadt, Talburg (im Klartext Pforzheim, wo Nonnenmann 1922 geboren wurde und 1993 gestorben ist), und eines idyllischen Dorfes, Hausen, das den Protagonisten der Handlung als Rückzugsort für ihre Zeitgeistdebatten dient.

Mit seinem an Seiten eher geringen, an poetischem Gewicht aber doch beachtlichen Werk gehört Klaus Nonnenmann immerhin in eine Reihe mit dem liebenswert kritisch-satirischen Zeitgenossen Heinrich Böll, einem fantastisch skurrilen Erzähler wie Ernst Kreuder und "Kleinkünstlern" à la Robert Wolfgang Schnell und Günter Bruno Fuchs, die durchaus bedeutende Erzähler in der jüngeren Bundesrepublik waren - damals, als die Literatur noch Literatur war.

An den Geist dieser goldenen Zeiten erinnert dieser lesenswerte Band.