Ein kurzer Ruck geht durch den Gletscherdrachen. Dann setzt sich die raupenförmige Standseilbahn in Bewegung. Zwei 2200-PS-Motoren ziehen den 38 Tonnen schweren Zug der Kapruner Gletscherbahn an einem Stahlseil schräg hinauf zur Bergstation. Dicht an dicht drängen sich 180 schrillbunt gewandete Skifahrer und Snowboarder mit ihren Brettern in den engen Kabinen. Auch hier im letzten Wagen. Einfahrt in den Tunnel. Finsternis. Dann springt die Innenbeleuchtung an. Eisige Felswände huschen vorbei. Endlich: Nach acht Minuten beklemmender Enge ist die unheimliche Fahrt mitten durchs Gebirgsmassiv vorüber. Nichts wie raus an der Bergstation. In 2452 Metern Höhe. Der Sonne und den glitzernden Pisten des Kitzsteinhorns entgegen.

So wie an diesem sonnigen Novembermorgen vor ziemlich genau einem Jahr wird es in Kaprun nie wieder sein. Mindestens 159 Wintersportler verglühten am vergangenen Samstag im Feuerinferno vom Kitzsteinhorn. Sie waren in den Gletscherexpress gestiegen, um beim Snowboard-Opening oben auf den eisigen Pisten eine Party zu feiern. Nur zwölf Menschen konnten dem 1000 Grad heißen Feuer im Bergtunnel entrinnen. Die anderen hatten keine Chance.

Fassungslosigkeit in den Heimatländern der meisten verunglückten Touristen: in Deutschland, den Niederlanden, in Japan und den USA. Die meisten der Toten aber waren Österreicher. Nun hat das Urlaubsland ein kollektiver Schock erfasst. Überall und immer wieder die gleiche Frage: Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen, die laut Experten niemals hätte passieren dürfen?

Bei der Ursachenforschung dürften die Brandschützer ihr Augenmerk auch auf die Starkstromleitung richten, die das Alpincenter am Gletscher mit Energie versorgt. Sie verläuft durch den Tunnel nach unten und wurde für die Überlebenden bei ihrer Flucht nach deren Aussage zu einem zischenden und blitzenden Hindernis. Das Kabel speist auch auch die Lifte am Gletscher mit Strom. Und diese standen zum Unglückszeitpunkt kurz still.

Bis Anfang der Woche nichts als Spekulationen über den Grund des Unglücks und viele offene Fragen an die Betreiber der Seilbahn. Warum gab es keine Rettungspläne für einen derartigen Ernstfall, keine Hinweise für ein richtiges Verhalten in der Not, nur zwei Feuerlöscher in den Fahrerkabinen?

Wie konnten die angeblich unbrennbaren Konstruktionsstoffe der Seilbahn ein solches Flammeninferno entfachen? Konnte wirklich niemand mit einer solchen Katastrophe rechnen? Auch wenn die erste Hochgebirgs-U-Bahn Europas fast 26 Jahre ohne größere Zwischenfälle bald 20 Millionen Passagiere unversehrt auf den Berg befördert hatte. So wie ähnliche Bahnen in Österreich oder den Schweizer Orten Zermatt und Davos. Einzig die Zugspitzbahn in Garmisch-Partenkirchen hatte einen Zusammenstoß zweier Wagen, bei dem es allerdings keine Toten gab.

Galt die Sorge der Rettungstrupps in Kaprun zunächst einmal der psychologischen Betreuung der Angehörigen und der Bergung der Leichen, machen sich jetzt österreichische Brandschutztechniker an die Aufklärung der Ursachen. Eine schnellstmögliche und lückenlose Aufklärung, versichert Ingo Karl, Vorsitzender des Fachverbandes österreichischer Seilbahnen, ist unser vorderstes Interesse.