Die Schlacht ums Weiße Haus geht weiter: Sie wird in den Gerichten, in den Medien und auf der Straße fortgesetzt. Die Vereinigten Staaten drohen in eine politische Legitimitätskrise zu geraten, die ernste Konsequenzen für das Land und die ganze Welt haben könnte. Insofern haben andere Länder und deren Politiker, auch jene, die vielleicht die Vereinigten Staaten eher kritisch sehen, keinen Grund zur Häme oder zur Schadenfreude, sondern Anlass zur Sorge. Aber möglicherweise hat die gegenwärtige Krise auch ihr Gutes?

Wenn Amerikaner ihre Demokratie rühmen, haben sie vor allem das Mehrheitsprinzip im Sinn. Tatsächlich aber wählen wir unsere Präsidenten gar nicht nach dem Mehrheitsprinzip. Wie die Welt gerade verblüfft feststellt, wird der Präsident von einem Electoral College ausgesucht, einer Art Sonderparlament, das nur zusammentritt, um den Präsidenten zu salben, und sich dann sogleich zerstreut (siehe Seite 5 dieser Ausgabe). Das ist nicht etwa eine folgenlose Formalie, sondern kann das Mehrheitsprinzip auf den Kopf stellen: Die Präsidentenwahl kann von ein paar hundert Stimmen in einem einzigen Bundesstaat abhängen, der seine Wahlmänner ins College entsendet

deshalb auch kann ein bundesweit nach Stimmenzahl in der Volkswahl unterlegener Kandidat dennoch von der Mehrheit im Electoral College zum Präsidenten gewählt werden.

Obgleich die politische Kultur Amerikas das Mehrheitsprinzip betont, haben wir dem Electoral College lange Zeit keine Bedeutung mehr zugemessen. Im 20. Jahrhundert hat der Sieger im Electoral College immer auch die Volkswahl gewonnen. So wurde der Widerspruch nie zum Problem. Jetzt aber stehen die beiden Quellen politischer Legitimität in direktem Widerspruch zueinander.

Derzeit hält George W. Bush einen knappen Vorsprung im Electoral College, während Al Gore eine noch knappere Mehrheit der Wähler hinter sich hat.

Keiner von beiden kann in dieser Lage beanspruchen, mit eindeutiger Legitimität nächster Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Die Probleme dürften noch größer werden, weil der Sieger letztlich wohl nur durch Intervention der Gerichte ins Weiße Haus kommen wird. In den kommenden Wochen werden Richter in Florida über wichtige Fragen zu befinden haben: ob auch jene Stimmen gezählt werden sollen, die aufgrund verwirrender Wahlzettel abgegeben wurden