Auf der Bühne ist das Einfachste oft das Schwerste. Nur zu leicht wirkt eine Geste übertrieben oder banal. Die Choreografin Sasha Waltz hat in ihren Stücken immer wieder vorgeführt, wie gekonnt sie auf dem Grat zwischen Gefühlsausbruch und Artistik zu tanzen versteht. Dabei hatten ihre knappen, temporeichen Geschichten über Türen knallende WG-Bewohner (Travelogue), zusammengepferchte Familien im Plattenbau (Allee der Kosmonauten) oder das Leben in der russischen Einöde (Na Zemlje) stets auch etwas Holzschnittartiges. In dieser nicht eben differenzierten, aber treffenden und eigentümlich schartigen Erzählweise schien sie ihren Stil gefunden zu haben.

Mit ihrem Start an der Berliner Schaubühne aber fiel ein künstlerischer Paradigmenwechsel zusammen. Waltz entschied, sie habe vorerst genügend Geschichten erzählt. Stattdessen präsentierte ihr Ensemble zum Antritt am Lehniner Platz ein weitgehend abstraktes Stück. Körper konnte es mit dem Mythos der legendären Sprechbühne aufnehmen, indem es ihn zugleich beschwor und bannte.

Für ihre jüngste Produktion S (ein kryptischer Titel, der den Feuilletons Anlass zu endlosen Wortspekulationen bot) hatte sich Sasha Waltz "etwas Warmes, etwas Organisches, Emotionen, Sexualität" vorgestellt

S sollte fassen, wofür in Körper kein Platz gewesen war. Während der ersten 40 der knapp 90 Minuten setzt die Choreografin einzig auf das langsame Spiel nackter Körper, die gestreichelt werden, sich winden. Auf dem terrakottafarbenen Boden, den ein schmaler Graben durchzieht, steht ein Rollprospekt von der Größe einer kleinen Kinoleinwand

die gemalten Motive lassen sich von Hand herbeikurbeln und mit Videoprojektionen beleben. Doch weder in der Natur - vor dem bewegten Wasser des Sees - noch später in der Zivilisation gelingen den Tänzern spannungsvolle Aussagen zum Verhältnis der Geschlechter. Es dominieren Rituale der Körperertüchtigung

Komik und Rasanz früherer Stücke dürfen allenfalls aufblitzen.

Der letzte Teil hingegen verblüfft nicht wenig. Als läge Henri Rousseaus malerisch gezähmte Dschungelwelt neuerdings in Brandenburg, spielt er in einem kiefernbestandenen märkischen Paradies. Giraffen, Nashörner und nackte Tänzer bevölkern die Leinwand, aus dem Bühnenhimmel fliegt ein weißer Tisch voller milchgefüllter Flaschen herbei. Doch bevor noch die Tänzer so recht mit den ayurvedischen Anwendungen beginnen können, bricht das Stück unvermittelt ab. Die Fortsetzung, ein halbstündiges exzessives Milchbad der Leiber, hat Sasha Waltz kurz vor der Premiere gestrichen. Zur zweiten Vorstellung taucht eine Szene daraus wieder auf. Vor dem Tisch wälzt sich nun ein Paar am nassen Boden. Während im rückwärtigen Paradies die Sintflut höher und höher steigt, reibt Nicola Mascia seiner Partnerin die Milch fester und fester in die Schenkel. Lust oder Qual? Auch zuvor, wenn Grayson Millwood eine Tänzerin ergreift und die wie schlafend Willenlose auszieht, kommt, mit dem Anklang an Kleists Marquise von O, die Geschichte erotischer Darstellungen in der Kunst ins Spiel. Doch bis auf diese beiden Szenen scheut die Choreografin jeden Bezug zu einer Ikonografie des Erotischen.