Von links unten Fußspuren, große, die Spitzen ordentlich nach außen gedreht. Von links oben Tippelspuren, kleine, viele. In der Mitte laufen die Spuren zueinander. Eine Begegnung. So viel ist klar, gleich wenn man den Buchdeckel aufschlägt. Was für eine Begegnung?

Fräulein Bauer, die man sich sehr groß, sehr dünn und sehr fräuleinartig vorstellen muss, trifft auf ein Tier, strubbelig wie eine Flaschenbürste. Es sitzt neben der Mülltonne an einem verregneten Abend im Mai. "Tom, tom, tom", klappern die Zähne des Tieres, und schon hat es seinen Namen. Schon sitzt es dick und nass auf Fräulein Bauers Arm. Und schon tippelt es kleine schwarze Abdrücke auf ihre weißen Sofakissen. Unerhört. Ein freches Tier! Ein nettes Tier? Was für ein Tier?

Das bleibt ungewiss, mindestens 42 Seiten lang. Aber bis dahin hat die Geschichte von Fräulein Bauer und Tomtom den Leser längst mit ihrem feinen Humor bezaubert. Inzwischen kennt er die Nachbarin Frau Obstessig samt Kater Jürgen den Hausmeister Herrn Jäger Fräulein Bauers Chef, den Herrn Schreckmüller. Er weiß, dass Fräulein Bauer immer pünktlich an ihrer Schnellkasse im Supermarkt sitzt, jeden Morgen ...

Nein - sie saß. Denn plötzlich geschehen Dinge, die noch nie da waren: Fräulein Bauer kommt zu spät, zum ersten Mal im Leben. Sie wird keck und manchmal recht schnippisch. Sie isst nachts um drei vier Portionen Grießbrei mit Himbeersauce. Ja, sie fängt sogar einen Räuber und gibt Interviews im Radio, und irgendwie liegt das alles an Tomtom. "Ich war lange Zeit immer alleine, und ich hatte niemanden, dem ich mal etwas erzählen konnte", sagt Fräulein Bauer ins Mikrofon. "Aber das Schlimmste war, dass ich das in all den Jahren nicht einmal gemerkt habe. Ich dachte, so ist das eben."

Wie aus vielem, das angeblich so ist, Vergangenheit wird und wie sich ein typisches Fräulein langsam zu einem anderen Menschen wandelt: Das erzählen Hilke Rosenboom (in schönen schlichten Worten) und Stefanie Scharnberg (mit dem Zeichenstift) so lustig und liebenswert, dass es ein bisschen wärmer wird ringsum. Gäbe es ein Fieberthermometer für Bücher - dieses hier hätte ziemlich genau 37 Grad. Am Ende vielleicht sogar ein bisschen mehr, denn ...

Von links oben Fußspuren neben Tippelspuren. Von links unten breite Fußspuren, männliche. In der Mitte laufen die Tippel davon, nach rechts oben.

Die vier Füße aber laufen weiter, gemeinsam geradeaus. So viel ist klar, wenn man den Buchdeckel zuklappt.