Bloß nicht abrupt aufstehen. Zur Feier des Tages ist im großen Newsroom von CNN in Atlanta eine Kamera auf einen kleinen Kran montiert, dessen Arm knapp über die Köpfe der konzentriert arbeitenden Redakteure hinwegschwenkt.

Die Zuschauer werden denken, dass hier hohe und weite Hallen sind. Dabei muss man sich in dem für die Wahlsendung voll gestopften Großraumbüro jetzt stärker ducken und enger zusammenrücken als an normalen Abenden.

Der Newsroom von CNN ist mehr als ein Fernsehstudio: Er ist für die Vereinigten Staaten zum virtuellen Zentrum des politischen Geschehens, zu einer Synthese aus Marktplatz und Verfassungsorgan geworden. An einem Wahlabend gibt es in den USA keinen relevanteren Ort: In Washington halten sich nur noch Journalisten und medientaugliche Experten auf, die Politiker sind auf ihre Wahlkreise verstreut. Die beiden Präsidentschaftsbewerber haben sich mit ihrem Tross "nach Hause" zurückgezogen, und dieses Zuhause ist kurioserweise immer eine Hotelsuite. Der einzige Ort, an dem sich alle ein- und wiederfinden, ist das Fernsehbild dieses Saals.

Leicht kommt man hier nicht rein: Wer den unübersichtlichen Raum betreten will, in dem Produzenten, Redakteure und Moderatoren zusammengepfercht sind, muss sich ausweisen und nach Waffen durchsuchen lassen. 425 Mitarbeiter, davon über 200 Redakteure, die Mehrheit Nachrichtenjunkies, koordinieren wild gestikulierend die Berichterstattung, verteilen die ankommenden Bilder und Berichte aus unzähligen Satellitenverbindungen auf die Teleprompter und Schreibtische der Moderatoren. Für Starallüren ist keine Zeit. Die Kameras sind fest installiert, ob sie gerade aufnehmen oder nicht, bekommt kaum einer mit. Bernard Shaw, der Hauptmoderator des Wahlabends, muss mehrmals zu einer altertümlichen Signalpfeife greifen, um den Lärmpegel im Saal etwas zu senken. Das gelingt nur kurz. Zwischendrin kommt ein verschlafen, aber fröhlich aussehender Ted Turner herein. Der faktisch entmachtete, immer noch verehrte Gründer des Senders lässt sich mit Praktikanten fotografieren und erklärt gut gelaunt: "Wenn Bush gewinnt, kriege ich eine gewaltige Steuererleichterung, und wenn Gore gewinnt, ist das gut für die Umwelt!"

Nur dass es keinen Gewinner geben würde, damit hat selbst Ted nicht gerechnet. Andere haben mehr geahnt. Eason Jordan, der oberste Nachrichtenchef der CNN-Gruppe, war schon am Dienstagmorgen auf alles gefasst: Er hatte sich von seiner Familie verabschiedet, eine Reisetasche für drei Tage gepackt und sich ein Zimmer im sendereigenen Hotel reservieren lassen. Auch der erfahrene Washington-Korrespondent Wulf Blitzer war am frühen Abend noch begeistert: "Wir wussten doch sonst schon um 14 oder 15 Uhr, wer gewinnen würde. Jetzt ist es 19 Uhr, und ich habe wirklich keinen Schimmer, wer das Rennen macht." Daher hatte er zwei Flugtickets für den nächsten Tag in der Tasche: eines nach Nashville zu Al Gore, eines nach Austin zu George W. Bush.

Doch die Bereitschaft der Journalisten, sich auf ein offenes Ende einzulassen, ließ sich, so sollte sich rasch zeigen, mit den Gesetzen des Fernsehens nicht in Einklang bringen. Schließlich hatte das Special-Events-Team des Senders den Abend seit Monaten geplant: Proben waren abgehalten worden, umfangreiche Aktenordner verteilt, viel Geld war für Infografiken, Studiodekoration und Landkarten ausgegeben worden - alles, um am Wahlabend auch mit einer erfolgreichen, kurzweiligen und eleganten Fernsehsendung glänzen zu können. CNN USA stand an diesem Tag unter einem besonderen Druck: Zu Jahresbeginn hatte der Sender mit einem dramatischen Quoteneinbruch von 30 Prozent zu kämpfen. Der Wahlkampf war eher enttäuschend verlaufen, weder die Themen noch die Persönlichkeiten hatten das Publikum fesseln können, einige Sender haben die Debatten gar nicht erst übertragen.

Jetzt kam es auf den 7. November an. Schon seit Tagen konnte man annehmen, dass Florida die Wahl entscheiden würde. Ein Bush-Sieg in Florida hätte den Wahlabend und den Spannungsbogen der Sendung dramatisch verkürzt. Daher gab es Szenenapplaus im Newsroom, als CNN um 19.50 Uhr melden konnte, Gore habe Florida gewonnen - der Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt in den Teilen des Staates, die in einer anderen Zeitzone liegen, die Wahllokale noch offen waren, irritierte da nicht weiter.