Die Vermenschlichung der Wale ist so alt wie die menschliche Geschichte.

Im 19. Jahrhundert, als Waljagd ein Unterfangen auf Leben und Tod war, berichteten Seeleute von weißen Pottwalbullen, die mit technischem Scharfsinn ihre Schiffe rammten. Aus diesen Erzählungen entstand Herman Melvilles Moby Dick. Heute, da niemand in der westlichen Welt Walprodukte benötigt, gelten die Meeressäuger als mit sanfter Intelligenz beseelte Tiere.

Tim Severin ist zwischen den zwei Mythen hin- und hergerissen. Severin ist ein mit der Goldmedaille der Royal Geographic Society ausgezeichneter Engländer, der seit 25 Jahren ausgefallene Reisen unternimmt und darüber Bücher schreibt. Seine jüngste Expedition galt der Suche nach dem weißen Wal.

Er wusste nicht einmal, ob so ein Geschöpf wirklich je existierte. Doch "jenseits aller Vernunft hoffte ich, ein solches ,Wunder der Tiefe' zu finden".

Severin hat an Melville einiges auszusetzen. Der habe frühere Autoren schamlos ausgeplündert. Ein Großteil seines Wissens über Wale und den Walfang stamme aus zweiter Hand. Er habe persönliche Erfahrungen übertrieben, Tatsachen zu seinen Gunsten verdreht und gelogen, wenn es ihm in den Kram passte. Vor allem gehöre Melville in die Welt jener "gnadenlosen Schlächter, die um des Profits willen um die halbe Welt segelten und in der Stimmung kampfeshungriger Gladiatoren in den natürlichen Lebensraum der Wale eindrangen".

Die edlen Wilden sehen den Wal als ihren Vorvater Auf den ersten Blick ist Severins Buch über den weißen Gott der Meere ganz der sanften Walinterpretation verschrieben. Auf dem Einbandfoto wogt eine Segelyacht in schwerer See. Der Autor, verspricht der Klappentext, bleibe auf seiner Fahrt über den Pazifik "dem mystischen Geschöpf auf der Spur, auch wenn es sich ihm immer wieder im letzten Moment zu entziehen scheint - bis er ihm plötzlich begegnet ..."

Die Segelyacht kommt in dem Buch nicht vor. Severin reiste im Flugzeug nach Tonga, auf die Philippinen und nach Indonesien. Großzügig gesponsert, das steht in der Danksagung, von Malaysian Airlines und DHL World Wide Express.