Vor fast dreißig Jahren war Kagel der Verbrecher. Zumindest nach Ansicht Hunderter von Hamburgern, die anno 1971 sein Staatstheater ausbuhten, weil darin Starsolisten sprachlos stammelten, weil erstmals auf großer Opernbühne deren Rituale infrage gestellt wurden. Dem Buhorkan korrespondierte ein Bravosturm - mittlerweile hat das Werk seinen Platz wenn nicht im Repertoire, so doch in der Ruhmeshalle der Avantgarde.

Die ist unterdessen selbst historisch geworden und Mauricio Kagel, nun 68 Jahre alt, kein Enfant terrible mehr. Den Verbrecher in sich, der die Gesetze des Kulturbetriebs verletzt, hat er abgespalten und zur Figur in einem Auftragswerk gemacht, das jetzt in Köln zur deutschen Erstaufführung kam. Es heißt Entführung im Konzertsaal, was, ganz wie die Gaunersprache des Bösewichts, an Krimis der Siebziger denken lässt.

"Keine Fisimatenten," rüpelt der Schurke mit rauchiger Stimme durchs Telefon, "wir wollen mit den Mäusen bald nach Hause." Geiselnahme! Sänger des Niederländischen Kammerchors sind mit Waffengewalt in ein Künstlerzimmer der Kölner Philharmonie gepfercht worden, während auf dem Podium der Rest des Chores mit Reinbert de Leeuw und dem Schönberg-Ensemble versucht, ein Stück von Kagel aufzunehmen. Den Dirigenten verbindet eine Standleitung mit dem Entführer, der "Buletten für alle" verlangt.

Diese Telefonate sind zwischen Fragmenten einer Lichtenberg-Kantate zu hören, werden auch von ihnen überlagert oder beeinflussen sie, wenn durchs Telefon das litaneihafte Beten der Geiseln zu hören ist und von Instrumentalisten und Chor im Saal aufgegriffen wird. Polizeisirenen verschiedener Länder mischen sich von ferne ein, was ebenso irritiert wie das Erscheinen der Mitwirkenden in Frack und Abendkleid, wo es dem Libretto nach doch um eine Plattenaufnahme und nicht um einen Konzertmitschnitt geht.

Kagel verknüpft also verschiedene Ebenen