Als Schöpfer des an der kulturellen Moderne Europas orientierten Begriffs der Leitkultur, verstanden als ein Wertekonsens zwischen Einwanderern und Deutschen, trete ich als Stimme der integrationswilligen Migranten bei der Suche nach unserer Versöhnung mit den zivilisatorischen Werten Europas auf.

Es schmerzt mich, wenn mein ehemaliger Student Tobias Dürr versucht, mich durch die Unterstellung einer Verbrüderung mit der CDU zu diffamieren, obwohl ich ihm in einem langen Telefongespräch ausdrücklich sagte, dass ich absolut keine Kontakte zur CDU habe. Er glaubte wohl, in meine Seele hineinschauen zu können, und bediente sich dieser unzutreffenden Behauptung als Grundlage der Verfemung meines Begriffs von Leitkultur.

Beim gesuchten Wertekonsens sollten Deutsche wie Dürr von uns Migranten lernen, Werte wie Ehre, Würde und Respekt vor dem Lehrer zu schätzen. Als Orientale, der in den sechziger Jahren in Frankfurt studierte, trennte ich mich - obwohl damals SDS-Mitglied - von den 68ern, als sie unsere gemeinsamen Lehrer verunglimpften, die mein Leben prägten: Carlo Schmid, Adorno, Habermas. Für einen Angehörigen der islamischen Zivilisation, aus der 3,5 Millionen Menschen als Migranten in Deutschland leben, zu denen auch ich gehöre, ist so etwas schockierend.

Ihr Autor bestreitet meine Aussagen über meine Leiden an der deutschen Universität, die durch Neid und fremdenfeindliche Verfemung bedingt sind.

Gibt es diese Dinge in Deutschland wirklich nicht? Herr Dürr macht sich lustig über mich, dass ich 100 000 Mark jährlich für Flugtickets zwecks Reisen und Wirken auf vier Kontinenten in fünf Sprachen benötige.

Es gehört zu solchen Erfahrungen, die der Grund dafür sind, dass ich eine deutsche Leitkultur als Neidkultur ablehne. Meine Orientierung ist das westliche Europa, und deshalb spreche ich von europäischer, nicht von deutscher Leitkultur, mag man mich wegen dieser Differenzierung auch als als "Leitkulturwart" verschmähen.

Prof. Bassam Tibi Universität Göttingen