Im April des Jahres 1943 stoppen drei junge Männer einen Zug, der über tausend Juden vom belgischen Sammellager Mechelen nach Auschwitz transportiert. Youra Livschitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau agieren wie bewaffnete Partisanen in einem Land, das seit drei Jahren von den Deutschen besetzt ist. Die kleine, von Marion Schreiber zu "stillen Rebellen" geadelte Clique befreit in einer lebensgefährlichen Aktion, nur mit einer Pistole, Zangen und Sturmleuchten ausgerüstet, siebzehn Männer und Frauen.

Bis der Zug die deutsche Grenze erreicht, können über zweihundert Insassen fliehen. "Unter einem sternenglänzenden Himmel, einem kalten und hellen Mond warf ich mich in die Leere, meine beiden Arme über die Ohren, die Hände hinter dem Kopf, um ihn zu schützen." So beschrieb eine der Geretteten jene waghalsige Aktion, die den Zug der Todgeweihten in jener Nacht auf offener Strecke zum Halten brachte.

Dieser couragierte, fast unspektakuläre Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz gehört in die quälende Leidensgeschichte der Juden, die seit 1933 quer durch Europa verjagt, verfolgt, gefoltert und ermordet worden sind.

Aber diese, von der ehemaligen Spiegel-Korrespondentin Marion Schreiber detailliert recherchierte, wie in einem Dokumentarroman erzählte Geschichte beweist auch, wozu einzelne Menschen fähig waren, wenn sie nur den nötigen Mut besaßen. "Die Entschuldigung, es habe unter den Nazis keine Möglichkeit zur Hilfe gegeben, ist falsch", meinte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, bei der Vorstellung des Buches in Berlin. Dass Paul Spiegel den Holocaust überlebte, verdankt er belgischen Bürgern, die damals den Mut besaßen, einen kleinen jüdischen Jungen aufzunehmen und ihn vor den Nazis zu verstecken. Nach der beklemmenden Lektüre dieses Buches weiß man ohnehin mehr über den Mut und die Zivilcourage der Belgier, die damals den aus dem Todeszug Geflohenen weiterhalfen, sie mit Geld und Lebensmitteln versorgten oder sie oft unter Einsatz ihres Lebens versteckten. Mehr als die Hälfte aller in Belgien lebenden Juden hat den Holocaust überlebt, weil Nachbarn, Freunde, Beamte und Ärzte "uns die Hand reichten, ohne uns zu kennen", wie sich eines der Opfer erinnerte. "L'honneur des Belges" lobt die seit langem in Belgien lebende Autorin in offener Bewunderung für ihr Gastland, deren Bewohner sich von den brutalen deutschen Besatzern in ihren blank gewienerten Schaftstiefeln nicht einschüchtern ließen.

Ohne Pathos bettet die Autorin ihre Geschichte in die deutsche Okkupationszeit ein, als unter dem Kommando des zynischen SS-Judenreferenten Kurt Asche die erbarmungslose Treibjagd gegen alle belgischen Juden begann, die wie Freiwild gehetzt wurden. Eichmanns Handlanger Asche, launisch, grob, verletzend, ein Nazi-Krimineller par excellence, der mit einem Federstrich über Leben und Tod entschied, wird eindringlich porträtiert. Aber auch der überängstliche deutsche Militärgouverneur in Belgien, Freiherr Alexander von Falkenhausen, der als preußischer Aristokrat Hitler und seine Parteigenossen zutiefst verachtete und doch keine Hand rührte, als es darum ging, Juden, Emigranten, Logenbrüder, Kommunisten und Andersdenkende vor den SS-Kommandos zu schützen. Zwischen den skrupellosen Nazibesatzern und ihren opportunistischen Mitläufern lagen Abgründe. In letzter Konsequenz war es nur eine kleine, verschworene Elite linker Intellektueller, die zusammen mit kommunistischen Widerstandskämpfern den waghalsigen Überfall plante und ausführte. "Unsere Tat sollte eine Kampfansage gegen Egoismus und Gleichgültigkeit sein", so der überlebende Hertz Jospa, einer der damaligen Partisanen.

Mit offener Sympathie beschreibt Marion Schreiber jene drei jungen Widerständler, die sich gegen den damaligen Opportunismus zur Wehr setzten und bis zuletzt ihren idealistischen Losungen folgten: "Wer den Gedanken der Humanität zum Schweigen bringen will, der ist unser Feind." - "Ich stelle fest, wie sehr ich mich habe treiben lassen, was um mich herum passiert", notiert einer jener "stillen Rebellen", der später von den Deutschen erschossene jüdische Arzt Youra Livschitz 1942 in sein Tagebuch. Besonders die Persönlichkeit dieses, immer wieder zweifelnden und innerlich zerrissenen jungen Mannes hat es der Autorin angetan. "Was habe ich getan, damit mir die Ereignisse nicht über den Kopf wachsen?" fragte er als Mitglied einer Résistance, die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis fast ohnmächtig zusehen musste. Aber dieser jüdische Aristokrat beließ es nicht nur bei seinen Zweifeln. Aus couragierten, politisch aufgeweckten Bürgern wurden plötzlich Terroristen, die ahnungslose Insassen eines Deportierungszuges vor dem Gang in die Gaskammern bewahren wollten.

In dieser packend erzählten Geschichte um eine Gruppe junger Leute, die sich der NS-Barbarei widersetzten, kann man viel über Mut, Zivilcourage und einen aufrechten Gang erfahren. Deshalb gehört das Buch in viele junge Hände.