Das Thema Endzeit hatte hierzulande in den Achtzigern Konjunktur, im Zeichen von atomarer Bedrohung und moralischem Subjektivismus. Private Todesangst und historische Katastrophenstimmung gingen eine beklemmend-verklemmte Beziehung ein. Allerlei Abgesänge auf die strahlend untergehende Erde wurden angestimmt, allen voran die Rättin von Günter Grass.

Sein gleichaltriger Kollege jenseits des Teichs, John Updike, ließ das Thema liegen, bis er 70 wurde, und dachte dann, während der Deutsche das großväterliche Millenniums-Potpourri Mein Jahrhundert zusammentrug, über den (eigenen) Tod nach: Toward the End of Time.

Großen Schriftstellern sind große Gesten eigen. Das toward zielt, über die Biografie, ja über den Weltuntergang hinaus, auf das Ende aller Zeiten in den galaktischen Dimensionen, die uns betäuben, denn "wäre es anders, würden wir ununterbrochen schreien". Die eigene Sterblichkeit nicht ohne den Kollaps des Makrokosmos zu denken - wem wären dieser allzu menschliche Größenwahn, diese köstliche Unbescheidenheit angemessener als dem Chronisten des amerikanischen Mittelklasse-Mikrokosmos, dem Meisterbeobachter der mental-genitalen Niederungen?

Und doch ist dieser Roman Gegen Ende der Zeit, der einmal mehr zeigt, welches Erzähluniversum einmal mit John Updikes Schreiben zu Ende gehen wird, zugleich sein bescheidenster. Keine komplexe Erzählsituation wie zum Beispiel in den Erinnerungen an die Zeit unter Ford, keine Generationen umfassenden Perspektiven wie in Gott und die Wilmots, sondern ein schlichtes Tagebuch: Ben Turnbull, Rentner in einer dünn besiedelten Küstengegend Neuenglands, notiert Gedanken zu seinen kargen Erlebnissen - den Alarmsignalen der sich "nach dem Ruhestand sehnenden Prostata", den eisigen Kanten einer eingefrorenen Ehe und den prekären Vergnügungen sporadischer Golf- und Bridgepa rtien. Warum? Um eine Spur zu hinterlassen? "Was verliert sich nicht im Nichts? ... Ein Beschmutzen von Papier - nicht schlechter und nicht besser, als einen Bridgeblock vollzukritzeln."

Altmännerprosa also, Updikesches Understatement - wäre da nicht eben ein genialer Kunstgriff. Updike lokalisiert das eine Jahr des Tagebuch-Romans an der Wende 2019/2020: eine Verschiebung um eine knappe Generation in die nahe Zukunft (in der etwa ein Bridgeblock von John Updike Auktionswert bekommen könnte), eine winzige Drehung des Erzählwinkels, mehr als eine vorauseilende Aktualisierung, weniger als Science-Fiction. Des Autors leichte Hand nutzt die Hebelwirkung dieser Maßnahme ohne jede Anstrengung, und so geschieht es, dass der Leser die katastrophalen Ereignisse der Zwischenzeit genauso beiläufig registriert wie etwa die Soziologie der Einkaufszentren ("ein Lebensraum von schlampigster Intimität") oder eines Independence Day in der Provinz ("weiße Jungen in schlabberigen Hemden und Shorts ... und Mädchen in besser sitzenden, schickeren Klamotten ließen den Feiertag versickern wie ausgekipptes Sprudelwa sser auf heißem Zement").

Um das Jahr 2010 hat ein mit Atomwaffen ausgetragener Krieg zwischen Amerika und China die Weltbevölkerung halbiert, Amerika ist in den Commonwealth eingegliedert worden und im Begriff, zum Hinterhof Mexikos zu werden, das die Südweststaaten zurückeroberrn will. Boston gleicht dem Los Angeles in Blade Runner, Kalifornien ist von der Ostküste abgeschnitten, der Mittlere Westen radioaktiv verseucht, die politische Verwaltung ein bloßer Behördenschatten hinter marodierenden Jugendbanden und Mafiagangstern, der Präsident mit dem sprechenden Namen Smith ein "anonymer, verlachter Mann" - kurz, Ben Turnbulls Sonnenuntergangsjahre zergehen in einem verwandten "Nachkriegsdämmer", einem "Zwielicht jenseits von Recht und Ordnung", das den sich nur langsam assimili erenden Augen des Lesers das Ausmaß der Zerstörung nur zögerlich, unmerklich enthüllt.

In diesem Halbdunkel schwebt neben dem ersten ein zweiter, künstlicher Mond - eine von der in die technische Vorzeit zurückgebombten Erde aufgegebene Raumkolonie, ein wabenförmiges Totenschiff. Dahinter jedoch erscheint denen, die es sehen, also glauben und nicht mit bloßen Lichterscheinungen verwechseln wollen, ein weiteres, riesiges Himmelsobjekt, "blaß wie ein Wasserzeichen in teurem blauen Briefpapier" - ein Raumschiff, erfunden von einem Geist, der die Materie genauso überwunden hat wie die Tragödie der Zeit, ein physikalischer Gott, in dessen Magnetfeld eine "allumfassende Versöhnung" herrscht und die zeitgebundene Relativität des hinfälligen Erdlings aufhebt. Vor der Himmelsmacht dieses "Torus" ist das Ich mehr als nur eine zufällig zum Sein verurteilte Möglichkeit im Reich der Quanten, der verzweigten Paralleluniversen, deren virtuelle Existenz Updike-Turnbull zu ausschweifenden mathematischen Spekulationen hinreißt.