Kind kennt das: trägt stolz den neuen gestreiften Pulli oder die rote Haarspange, hat Schnupfen oder Namenstag, fühlt sich miserabel oder überglücklich - aber keiner merkt's. Man schaut dich an, geradewegs hindurch und sieht dich nicht. Hat sich so an dich gewöhnt.

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte ..."

Wahrscheinlich gibt es wenig literarische Anfänge, die so populär sind und so hoffnungslos dem Ende entgegenstreben wie bei Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Und nie ein Bilderbuch, das dieses Motiv so leicht aufnimmt und so nachdenklich und frech damit spielt wie Lawrence Davids Der Käferjunge.

"Gregor Sampson konnte sich nicht erinnern, dass so etwas schon je passiert war."

Der Schrecken hält sich in Grenzen, eher ist es ihm peinlich, dass er jetzt so große Fangzähne hat, die er - braver Gregor - ordentlich putzen muss, er plötzlich über sechs Beine verfügt, sich zusätzlich Löcher ins Hemd schneidet und mit den Treppenstufen Probleme bekommt. Am schlimmsten aber ist, dass keiner seine Verwandlung bemerkt. "Ich bin ein Käfer!", ruft er, und alle nicken, ja, ja, "du bist schon immer unser kleiner Krabbelkäfer gewesen", sagt Mutter hinter der Zeitung, und Papa singt: "Und ich bin ein Nilpferd."

Natürlich merkt auch Schwester Carla nichts.

Es müsste bedrückend sein und wirkt doch eher komisch. "Ich meine, es ist gar nicht so schlimm, ein Käfer zu sein, aber ich wollte überhaupt keiner sein."