Wer schwerhörig ist, gilt schnell als dumm. Denn er gibt die falschen Antworten, wenn man ihn anspricht. Im Deutschen stammt das Wort taub von tumb. "Das Stigma der Schwerhörigkeit sitzt kulturhistorisch ungeheuer tief", sagt Thomas Lenarz von der Medizinischen Hochschule Hannover. Den meisten Betroffenen fällt es daher schwer, sich ihr Leiden einzugestehen. Einer Studie zufolge erdulden Schwerhörige durchschnittlich acht Jahre lang ihre Beschwerden, bevor sie zum Arzt gehen. Zuvor schalten sie den Fernseher lauter und mäkeln an ihren Mitmenschen herum: "Ich höre gut, aber du nuschelst so."

Jeder Zweite über 70 hört schlecht, bei den 50 bis 59-Jährigen ist es jeder Vierte, bei den 30 bis 39-Jährigen immerhin noch jeder Zwanzigste. Die Mehrzahl leidet unter Innenohrschwerhörigkeit, bei Jüngeren durch regelmäßige Diskobesuche, lautes Musikhören über Kopfhörer oder Hantieren mit Feuerwerkskörpern verursacht. Selbst nach dem Arztbesuch verzichten viele darauf, ein Hörgerät zu benutzen. Von den 15 bis 20 Millionen Schwerhörigen in Deutschland besitzen rund zehn Prozent eines. Die Hälfte von ihnen trägt es jedoch in der Tasche herum statt hinterm oder im Ohr. Dabei sind moderne digitale Geräte wahre Wunderwerke der Technik. Sie lassen sich auf individuelle Hörschwächen einstellen und heben Gesprochenes besonders hervor.

Jetzt sind sogar Hörhilfen erhältlich, die zum Teil implantiert werden und Klang in CD-Qualität garantieren.

Schwerhörigkeit gab es schon immer, daher sind Hörhilfen keine neue Erfindung. Schon die Kugelperücken der Pharaonen und gewölbte Baldachine über Königsthronen verstärkten Sprache und Geräusche, indem sie die Schallwellen hinter dem Ohr reflektierten. Später griffen Adlige wie Normalsterbliche zum Hörrohr.

Im Gegensatz zur Fehlsichtigkeit lässt sich Schwerhörigkeit aber nicht völlig korrigieren. Dass moderne digitale Geräte immerhin den so genannten Partyeffekt bewältigen, demonstriert Patrick Mergell im Akustikbüro von der Siemens Audiologischen Technik GmbH in Erlangen. Der Physiker beschallt das neu entwickelte Hörgerät Signia von vorne mit einer leisen Stimme, von der Seite mit einem Störgeräusch. Zunächst sind die Worte kaum zu verstehen, zu stark überlagert sie das Rauschen. Dann schaltet Mergell auf "Party". Ein Chip dämpft den Lärm und schaltet ein Richtmikrofon zu. Nur die von vorne kommende Stimme wird verstärkt, überdies hebt der Apparat die Lautstärke der Konsonanten an, mit denen Schwerhörige die größten Schwierigkeiten haben. Die Träger von Signia wählen mit einem kleinen Hebel zwischen Normal- und Partybetrieb. Die Software des Hörgeräts Claro der Schweizer Firma Phonak kann sogar entscheiden, welches Hörprogramm jeweils angemessen ist.

Auch das so genannte Recruitment-Problem gilt inzwischen als gelöst. Viele Schwerhörige hören bis zu einer Schwellenlautstärke nichts. Geräusche, die nur etwas lauter sind, nehmen sie jedoch als unerträglich wahr. Bei digitalen Hörgeräten lässt sich die Verstärkung so exakt einstellen, dass ihrem Träger immer nur Töne im schmalen Bereich des Hörbaren, aber nicht Unangenehmen ins Ohr gespielt werden.

Ein Manko bleibt indes: Selbst die neuesten Hörhilfen haben einen winzigen Lautsprecher und das beeinträchtigt die Klangqualität. "Das ist wie bei einer Stereoanlage", erzählt Lenarz. "Wenn sie gut sein soll, braucht sie große Boxen." Seine Patienten klagten häufig, aus ihrem Hörgerät schalle es blechern. Die Geräte verstopfen zudem den Gehörgang, was die Stimme des Trägers fremd klingen lässt und die Anfälligkeit für Allergien und Ekzeme erhöht.