Siebzig Prozent seiner Arbeitskraft, erklärt Edmund Stoiber, fließen in die Regierungsgeschäfte des Freistaats Bayern. Erstaunlich, was mit den dreißig Prozent Restenergie alles zu schaffen ist. Am 9. und 10. November die halbstaatlichen Berliner Antifatage, bei denen die Union vor dem Brandenburger Tor in Sachen Leitkultur in den Senkel gestellt wurde und Stoiber am nächsten Morgen im Bundesrat als Vorkämpfer eines NPD-Verbots auftrat. Am kommenden Freitag und Sonnabend der CSU-Parteitag in München knapp davor hat der Vorstand noch die christlich-soziale Asyl- und Einwanderungspolitik festgelegt. Gleich nach dem Parteitag sollte es nach Israel und Ägypten gehen die Reise musste wegen der Trauerfeier für die Toten des österreichischen Bergbahnunglücks abgesagt werden. Eben noch, Ende Oktober, war der Ministerpräsident zu einem Kurzbesuch in New York gewesen.

Kein Amtskollege dürfte bei Stoibers Pensum mithalten, gewiss keiner bei seiner politischen Präsenz - nicht Clement mit seinem gleichstarken Bundesland, nicht Biedenkopf mit seinem intellektuellen Führungsanspruch.

Wozu das alles?

Edmund Stoiber ist die Sphinx der deutschen Politik. Das klingt sonderbar bei einem Mann von so ostentativer persönlicher Geheimnislosigkeit, ohne Reiz für die Fantasie des Biografen. Auch politisch ist es ja das Unzweideutige und Unverblümte, das er und seine Partei als Image pflegen, Disziplin und Grundsatztreue im Unterschied zur CDU mit ihren akuten Führungsproblemen und ihrer notorischen Anfälligkeit für den Zeitgeist. Aber gleich hinter dem Entschiedenheitsklischee beginnt eine Zone der Undeutlichkeit. "Wie weit wird er gehen?" ist die typische Stoiber-Frage - bei seiner Kritik an der Schwesterpartei, bei der Europaskepsis, bei der Besetzung rechter Positionen.

Und natürlich steckt hinter allem das Urrätsel, die Ungewissheit, ob er Kanzler werden will.

Ein Fuß auf dem Gaspedal, einer auf der Bremse Nach dem Zwischenspiel der Interimserben Streibl und Waigel hat Stoiber die volle Franz-Josef-Strauß-Nachfolge angetreten, als Parteichef und Ministerpräsident. Was ihn von Strauß trennt, in Habitus und Stil, sieht jeder. Doch in der Tathemmung des scheinbar starken Mannes, in der Kombination von Provokationslust und Abschlussschwäche wirkt Stoiber seinem grundverschiedenen Vorgänger tief verwandt. Ein Fuß auf dem Gaspedal und einer auf der Bremse. Ist die Bundesrepublik ein Einwanderungsland? Kein Einwanderungsland? Kein klassisches Einwanderungsland, sagt das neue CSU-Papier. Das ist klassischer Stoiber. Das Bellen ohne Biss war in den späten Jahren von Strauß geradezu zum komischen Markenzeichen geworden. Seit er zum Euro beinahe nein gesagt hat, muss auch Stoiber damit leben, dass bei allen Kraftdemonstrationen der zweite Gedanke den Grenzen seiner Macht gilt.

Es findet sich überhaupt, erstaunlich genug, ein defensiver Zug in der politischen Philosophie dieses Machers, eine nimmermüde Wachsamkeit, die aus der Sorge stammt. Bayern muss sich behaupten, mithalten im Wettbewerb der Regionen - daher, nicht aus spontaner Neuerungsfreude, der Modernisierungseifer des Ministerpräsidenten. Rechts von der Union soll es keine demokratisch legitimierte Partei geben - daher die Initiative zum NPD-Verbot. Und nie und nimmer darf die CSU unter die Fünfzigprozentmarke sinken - daher der unbedingte Primat der bayerischen Interessen, im Zweifel auch gegen die bundespolitische Vernunft und sogar gegen die eigenen bundespolitischen Ambitionen.