Berlin Das "LaGrand-Verfahren", das diese Woche in Den Haag eröffnet wurde, weckt eigentümliche Assoziationen. Zum ersten Mal verklagt eine deutsche Regierung die befreundete Supermacht vor dem Internationalen Gerichtshof. Offiziell spielt das Auswärtige Amt das Verfahren herunter und spricht von einer "Klärung völkerrechtlicher Fragen". Doch den Klägern ist bewusst, dass sie einen Prozess mit politischer Bedeutung begonnen haben.

Im juristischen Mittelpunkt steht die Frage, ob die Vereinigten Staaten das "Wiener Übereinkommen über Konsularische Beziehungen" verletzt haben. Der Artikel 36 des Vertrages, der im Jahr 1963 von 144 Staaten (inklusive der USA) ratifiziert wurde, verpflichtet die Behörden, nach der Verhaftung von Ausländern deren diplomatische Vetretung zu unterrichten. Genau dies haben die Vereinigten Staaten im Fall der beiden Deutschen Karlheinz und Walter LaGrand versäumt - und damit möglicherweise deren Chancen, einem Todesurteil zu entgehen, beschnitten.

Auch wenn in Den Haag die Todesstrafe nicht als solche verhandelt wird - die deutsche Klage wirft ein grelles Licht auf das Land der Galgen und der Giftspritzen. Dass die Bundesregierung diesen Effekt nicht nur billigend, sondern freudig in Kauf nimmt, ergibt sich aus der Geschichte des Sachverhalts.

Im Jahr 1982 wurden die Brüder LaGrand, beide im Besitz eines deutschen Passes, nach einem fehlgeschlagenen Banküberfall im US-Bundestaat Arizona verhaftet. Offenbar in Panik hatten die beiden den Filialleiter erstochen.

Weder die deutsche Botschaft in Washington noch das Generalkonsulat in Los Angeles wurden über die Festnahme informiert, und das, obwohl die Staatsangehörigkeit der Brüder bekannt war.

Ohne konsularische Betreuung, nur mit einem Pflichtverteidiger, traten die jungen Männer, 18 und 19 Jahre alt, vor das Geschworenengericht, das sie wegen Mordes und schweren Raubes zum Tode verurteilte. Das Urteil bestand alle Instanzen, obwohl der Oberste Gerichtshof von Arizona befand, dass die beiden Angeklagten auf "außerordentlich niedrigem Niveau" verteidigt worden seien.

Erst 1992, nach acht Jahren in der Todeszelle, erfuhren die Brüder durch Zufall, dass sie ihre Botschaft einschalten konnten. Die nun einsetzenden Bemühungen deutscher Diplomaten, deren Intensität unterschiedlich beurteilt wird, blieben fruchtlos. Das Verfahren wurde nicht neu eröffnet die Missachtung der Wiener Konsularkonvention als Argument nicht akzeptiert.