Als würde man im Theater sitzen und sich gleich der Vorhang öffnen.

Leises Gemurmel noch in den Rängen. Gespannte Erwartung. Hoffentlich ein fantastisches Bühnenbild, hoffentlich Schauspieler, die vergessen lassen, dass sie Schauspieler sind! Hoffentlich eine Geschichte, die uns in den Strudel der Ereignisse zieht - und uns - mit einem Funkeln in den Augen - ein paar Stunden später wieder ausspuckt.

Gespannte Erwartung also beim Eintritt in ein Buch, das sich viel, sehr viel vorgenommen hat: Benjamin Prados Was glaubst du eigentlich, wer du bist. Eine Geschichte, die tief in die verborgenen Gemächer des Lesens führt, durch labyrinthische Gänge und geheimnisvolle Kammern. Im Zentrum dieser Parallelwelt erwarten uns drei Herren, deren Geschichten uns einst so gefangen nahmen, dass wir tatsächlich glaubten, andere Menschen zu sein, als wir ihre Bücher wieder verließen: Charles Dickens, Hans Christian Andersen und Walter Scott. Sie warten auf uns und auf Prados Helden, weil sie Verbündete brauchen in einer äußerst heiklen Mission. Es geht um nicht weniger als um die Rettung der Hoffnung in den Welten des Buches. Oliver Twist, Ivanhoe und die kleine Meerjungfrau spielen bei dieser Verschwörung eine tragende Rolle.

Spannend wird, ob Prado die Anstrengungen verbergen kann, die nötig sind, um uns in die geheimen Kammern des Lesens zu entführen. Seine Geschichte spielt auf drei Ebenen gleichzeitig. Ein Junge entdeckt in schlafloser Nacht im Arbeitszimmer seines kürzlich verstorbenen Vaters ein Buch, das ihn sofort gefangen nimmt. Auch darin dreht sich - wie im Leben des 15-Jährigen - alles um Literatur und Überleben in der Not. Stevenson - der junge Erzähler aus dieser Welt - berichtet von einem Buch und einem Schlüssel, die er und sein Freund in einem im Fluss treibenden Koffer fanden. In diesem Buch wiederum erzählt ein Schriftsteller, wie er einem tragischen Geheimnis um Dickens, Andersen und Scott auf die Spur kam und dabei selbst zum Akteur des Geschehens wurde. Ein Schicksal, das die Jungen (vielleicht ist es ein und derselbe?) aus den anderen Welten bald mit dem ominösen Schriftsteller teilen werden. Um Lesern - sozusagen auf Ebene vier - die Wanderung zwischen den Welten zu erleichtern, wurden die drei Erzählebenen in verschiedenen Schrifttypen gesetzt. Eine komplizierte Konstruktion also, die Prado gebastelt und zudem mit dem Anspruch versehen hat, sie während des Lesens zu vergessen - eine unerlässliche Bedingung für jede gute Geschichte.

Damit sind wir wieder im Theater. Der Vorhang öffnet sich, die Zuschauer sehen drei faszinierende Bühnenbilder auf einer Drehbühne. Sie sehen Szenen, in denen die Schauspieler ganz in der Welt des Stückes sind. Aber dann treten die Akteure an den Bühnenrand und erklären ihre Figuren. Die Drehbühne hakt derweil bei den Übergängen und das Kulissengebälk wird sichtbar. Außerdem fällt dem Regisseur ein, dass es noch viele bedeutsame Dinge über das Mysterium des Lesens mitzuteilen gibt und er schlüpft nolens volens in die Erzählerfiguren. Plötzlich befinden wir uns nicht mehr im Reich der Fantasie, sondern in einer Lehrstunde über das Reich der Fantasie, die Jostein Gaarder nicht besser hätte halten können.

Das kann passieren, wenn ein Schriftsteller so viele gute Ideen hat wie Prado. Er braucht eine massive Bühnenkonstruktion, um sie zu platzieren, er braucht eine Drehbühne, um sie in Bewegung zu halten und Figuren, die uns die Einfälle nahe bringen. All das ist da - aber gleichzeitig ist alles zu schwer für diese kleine Bühne Buch. Und so gehen wir wieder nach Hause, ohne Funkeln in den Augen, aber um einige sehr kluge Gedanken reicher.

* Benjamin Prado: Was glaubst du eigentlich, wer du bist Aus dem Spanischen von Katrin Fieber Carl Hanser Verlag, München 2000 144 S., 26,- DM (ab 15 Jahre)