Der wechselseitige Bedarf und die gegenseitige Genügsamkeit einer bestimmten Literatur und einer bestimmten Literaturwissenschaft ist allbekannt: Die Wissenschaft schmückt sich mit Entdeckungen, die ohne sie von niemandem gemacht worden wären, die Dichtung schmückt sich mit Preisen, bevor sie einem Kreis von Menschen überhaupt bekannt ist, den man ein literarisches Publikum nennen könnte. Seilers Gedichte sind von Spezialisten entdeckt und gefördert und mit den wichtigsten deutschen Lyrikpreisen ausgezeichnet worden. Handelt es sich um "Germanisten-Poesie"?

Ich hab die Gedichte mehrmals gelesen, bis mein Ergründenwollen, mein analytisches Mitdenken nachließ. Und jetzt erst erschlossen sie sich als die über semantische und syntaktische Strukturen hinfließende, sie verwischende Rede eines halb Schlafenden, wie O-Töne aus dem Zwischenreich von Wachen und Träumen, aber eben nicht so vollständig und beliebig dahinplätschernd wie beim so genannten automatischen Schreiben, das die Surrealisten pflegten, sondern fragmentiert und verdichtet und dennoch im Fluss. Nicht Kindersprache, sondern kunstreich geborgene Erinnerungslohen, die ihre konnotative Aura erst entfalten, wenn das Darunterliegende klarer hervortritt, dem Betrachten jener 3-D-Bilder vergleichbar, die vor ein paar Jahren in Mode kamen. Die sahen an ihrer Oberfläche aus wie Blumentapete und ließen den Betrachter erst ein, wenn man es gelernt hatte, das Deutliche verschwimmen zu lassen und auf etwas zu warten, das man scharfen Blickes nicht erkennen konnte. Ähnlich verflüchtigt sich das Beste an Seilers Texten vorm vordergründigen Verstehenwollen.

Was aus diesen Gedichten bei mehrmaligem Lesen herauswächst, ist die Erinnerung an etwas, das ich glaubte, ganz allein, ganz persönlich erlebt zu haben, verbunden mit sehr verbreiteten Erinnerungen an die Stereotype einer DDR-Kindheit, verbunden mit etwas, das ich noch nie erlebt habe, das aber als Muster in mir gewesen sein muss, als Muster des Nichtgelebten, sonst hätten es diese Texte nicht zur Resonanz bringen können. "... jedes gedicht geht langsam / von oben nach unten, von unten / nach oben, es verwahrt / seine sture natur, die sich noch / mit ihren abgebrannten blütenköpfen / nach der sonne dreht ..." Ich kann diese Zeilen nur für sich sprechen lassen und, um verständlich zu machen, welche Art von Erinnern ich meine, noch zwei weitere Zitate aus gravitation hinzufügen: "... jedes gedicht / geht auf ameisenstraßen / durch die schallbezirke seiner glocke." - "... jedes gedicht / nagt am singenden knochen, es / ist auf kinderhöhe abgegriffen / und erzählt." Die Kunst dieses "Erzählens" bewirkt, dass wohl in jedem Leser andere Erzählungen entstehen, unterschiedliche Geschichten. Seilers Kunst ist dies Dazwischen, das ein Geheimnis bleibt, solange es einem nicht gelingt, die Gedichte "begehbar" zu machen, sie als Evokationen zu lesen, als gedämpfte Schläge an eine innere Glocke und Aufforderung, sich als Ameise durch die eigenen Schallbezirke zu bewegen.

Soche Evokationen sind vielschichtig. Oben liegt die DDR-Kindheit in Gera, der Uranbergbau, der nachts umgehende, schreiende Vater, "sein geiger zähler herz", oben liegen die Schulbilder vom Im-Kreis-Gehen: "... wir hatten / kein glück. also zerfallen die häuser / werden wir endlich / wieder klein ..." (mein jahrgang, dreiundsechzig, jene ...). Oben liegt etwas, das Rezensenten eine Abrechnung mit der DDR genannt haben, wiederkehrende Wörter wie "Milchdienst", "Brotbüchse", "Stoffturnbeutel", Sätze wie dieser: "wir wären wenn wir hätten / gehen können immer fort / bei uns geblieben" (im osten der länder). Es ist mehr, weil es verbunden ist mit dem Darunter, das sich abrundet in Gedichten wie sonntags dachte ich an gott oder bols ballerina oder müde bin ich, Gedichte, die zu den leichter zugänglichen des Bandes zählen und die ich den Anfängern im Seiler-Lesen deshalb empfehlen möchte: "vorm schlafen sprach ich leise mit / dem haarteil meiner mutter ich / kann mich nicht erinnern wie // es sang von seinem bleichen / kopf aus styropor so leise / lieder loreleyn es sang // man müßte nochmal / zwanzig seyn & sagte dass / ich schlafen soll" (müde bin ich).

Unter solchen Versen ist der Versuch zu spüren, Bilder zu finden für eine innere Musik, für die magische Welt, in der man nur als Kind lebt. Wenn alle Literatur ein Dazwischen ist, das zwischen Text und Leser wächst, dann neigt sich die Waagschale des literarischen Hervorbringens hier zum Leser, er darf oder muss in besonderer Weise hinein- und herauslesen. Poet seiner Erinnerung muss er sein, damit diese Glockenschläge ans Nichtgelebte etwas in Schwingung setzen. Ich möchte diese Gedichte nicht missen. Ob ich sie wiederlesen werde, weiß ich nicht. Sie sind wirklich sehr anstrengend.

* Lutz Seiler: pech & blende Gedichte Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000 90 S., 16,90 DM