Unscheinbar wäre das falsche Wort. Denn zweifellos geht von dieser zierlichen Frau ein Scheinen aus. Allerdings eines, das man eher hören kann.

Zum Beispiel in den Pausen zwischen jenen Haiku-kurzen Sätzen, mit denen die japanische Architektin ihre Arbeit vorstellt. Wenn Kazuo Sejima wie zuletzt in der Berliner Hochschule der Künste spricht, beginnt die Stille im voll besetzten Auditorium bald zu klingen. Dass man es hier mit einer der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Architektur zu tun hat, kann man vielleicht am besten an diesem lautlosen Ton kollektiver Aufmerksamkeit hören. Ansonsten verzichtet Sejima entschieden auf jene visuellen Vermarktungsstrategien, mit denen ihre männlichen Starkollegen gewöhnlich auf ihren Status verweisen - man denke an Bernard Tschumis unvermeidlichen roten Schal oder Peter Eisenmans nicht weniger notorische Fliege. Auch dass sie in diesem Jahr den renommierten Ernst Schelling Architekturpreis (und 30 000 Mark) gewonnen hat, mit dem in den Vorjahren schon Berühmtheiten wie Prix, Hadid und Zumthor geehrt worden waren, scheint sie kaum zu berühren. Die 44-jährige gewinnt ihre Präsenz aus einer Kunst der Zurücknahme, die bisweilen ans Verschwinden grenzt.

Ihre Architektur funktioniert ganz ähnlich. Große Räume, die sich als Gebäude sanft, aber bestimmt dem Zugriff der Wahrnehmung entziehen, weil der Blick von der äußeren Hülle aus transluzentem Kunststoff oder Glas wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Die Fassade hat bei ihr kaum noch etwas von dem Gesicht, von dem es begriffsgeschichtlich abgeleitet ist, sondern erscheint eher als die nach außen gekehrte Innenseite einer Maske: Sie zeigt, ohne zu enthüllen. Von dieser offen liegenden Verborgenheit geht eine Intimität aus, die dennoch zugänglich bleibt. Eine für europäische Augen eher paradoxe Qualität, umso mehr als ein Großteil ihrer Architektur aus eminent öffentlichen Gebäuden besteht: Pachinko-Spielhallen, Museen und demnächst auch ein Theater im holländischen Almere, mit dem Kazuo Sejima und ihr Partner Ruye Nishizawa (die seit 1997 unter dem Namen SANAA zusammenarbeiten) erstmals auch außerhalb Japans in Erscheinung treten.

Die hiesige Architekturkritik hat sich bisher auch eher an das gehalten, was sie in Sejimas Ästhetik an Bekanntes vom Festland erinnerte. Als die japanische Entsprechung zum Schweizer Minimalismus von Herzog & DeMeuron wurde sie beschrieben. Ein Vergleich, der, abgesehen von einer gewissen Verwandtschaft in der Material- und Formensprache, allerdings stärker die Unterschiede verdeutlicht. So ist die exzessive Applikation von Bildern auf die Architektur, wie sie Herzog & DeMeuron beispielsweise in ihren Ricola-Bauten oder der Eberswalder Bibliothek zelebrieren, Sejima völlig fremd. Anstatt die Klischees unserer Kultur ikonisch zu erhöhen, arbeitet die Architektur der Toyo-Ito-Schülerin eher an der Entleerung ihrer Zeichen. Im Gegensatz zu den Schweizer Architekten der Londoner Tate Modern beschränkt sich ihre Aufmerksamkeit auch nicht auf die Inszenierung von Effekten an der Oberfläche des Gebäudes, sondern zeugt von einer ungeheuren Auseinandersetzung mit seiner räumlichen Organisation.

Die Konsequenz dieser Arbeitsweise kann man an einem Modell ihres Museums für Zeitgenössische Kunst in Kanazawa erfahren, das gegenwärtig in der Berliner Galerie Aedes zu sehen ist. Darin wird das Thema des Gebäudes - ein kreisrundes Volumen, das mit vielen kubischen Raumeinheiten gefüllt ist - in nicht weniger als 77 Grundrisstypen variiert, die alle auf einer Modellplatte angeordnet sind. Wie die Aktivitäten im Haus verteilt sind, welche Beziehungen sie miteinander eingehen und in welcher raum-zeitlichen Ordnung seine Besucher sie wahrnehmen - in immer neuen Anordnungen erprobt Sejima die Möglichkeiten und Wirkungen ihres Museums. Dennoch ist der Entwurf nicht eine trockene wissenschaftliche Untersuchung, er bleibt bis zum Ende poetisch. Ein Rätsel von Architektur, meint dann auch ein Ausstellungsbesucher. Oder 77 Arten, das Nichts zu beschreiben.

Bis 29. 11. 2000 im Aedes East Forum Berlin, Rosenthaler Str. 40-41, der Katalog kostet 20,- DM. Anschließend im Niederländischen Architekturinstitut, Rotterdam