Einbahnstraße ist eine 1928 erschienene Sammlung philosophischer Lesestücke Walter Benjamins überschrieben. Das riesige Konvolut des um dieselbe Zeit begonnenen unabgeschlossenen Hauptwerkes ist nach den Pariser Passagen benannt, jenen glasüberdachten, Querverbindung und Durchblick eröffnenden Basarstraßen der "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", in denen der Warenfetischismus der Bourgeoisie seine Triumphe feierte.

Im Juli 1932, als Benjamin kurz nach seinem 40. Geburtstag in Nizza Selbstmord begehen will, schreibt er in einem dann nicht abgeschickten Brief an Franz Hessel: "Lieber Hessel ein impasse mit vue sur le parc - was könnte zauberhafter das emplacement eines Sterbezimmers umschreiben?" Der ebenfalls nicht abgeschickte testamentarische Brief an Egon und Gert Wissing fügt hinzu: "Das Zimmer, das ich nun jetzt für 10 frcs am Tage fand, geht auf einen Square hinaus, auf dem Kinder spielen und durch dessen Blätter- und Palmenlaub gedämpft der Lärm der Avenue Gambetta herüberdringt. Dieses Zimmer ist der bescheidene, vertrauenserweckende Warteraum, aus dem nun, wie ich denke, der große Arzt mich in das Parloir des Nichts hinüberbitten wird."

Die letzte Botschaft Benjamins schließlich im September 1940 in Port Bou kommt aus einer situation sans issue, einer Sackgasse des Lebens, die keinen Ausweg mehr bietet - bis auf den nun tatsächlich begangenen ins "Nichts". Die Straßenmetaphern dieses Lebens umfassen den Bewegungs- und Sichtspielraum des Flaneurs wie den Weg ins Tödlich-Enge. Gleichermaßen schlüssig wie bewegend, dass das eindrucksvolle Passagen-Werk des Künstlers Dani Karavans am Friedhof über den Klippen von Port Bou Benjamins Weg über den ehemaligen Schmuggler-, den umfunktionierten Emigrantenpfad der "Route Idster" zur spanischen Grenzstation in einen "Weg nach unten" münden lässt. Er scheint sich ins Freie, aufs Meer hin zu öffnen, endet aber vor einer nur transparenten, jedoch nicht transzendierbaren Glasscheibe: sans issue. Allein der Blick der Besucher geht weiter.

Da sich aber die Ereignisse der Geschichte nach dialektisch-materialistischer Einsicht zweimal zu ereignen pflegen, das eine Mal als Tragödie, das zweite als Farce, hat eine gut gemeinte, indes irregeleitete Pietät auf dem Friedhof von Port Bou mit einem verballhornten Zitat des filósofo alemán gleich für die fällige Farce gesorgt (ob sie neuerdings revidiert worden ist, entzieht sich der Rezensenten-Kenntnis): "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solcher (!) der Barberei (!) zu sein." Wie wahr. So nicht nur schwarz auf weiß, sondern Schrift auf Stein die Würdigung eines Philosophen, der die Erlösung der Vergangenheit von ihrer Zitierbarkeit abhängig machte und ein Enthusiast der Genauigkeit war.

Anlass, die letzte Wegstrecke Benjamins noch einmal zu rekonstruieren, bietet jetzt das Erscheinen des letzten, des sechsten Bandes der Gesammelten Briefe.

Ein bedeutendes, ja großes Projekt, das sich von den Dokumenten der "Barberei" wohltuend abhebt, hat damit seinen Abschluss gefunden. Über 1370 Briefe Benjamins, 100 mehr, als ursprünglich geplant, liegen nun in einer sorgfältigen, zitierbaren Ausgabe vor.

Als Gerhard (Gershom) Scholem, der engste Freund Benjamins seit 1915, und Theodor W. Adorno, der Freund aus dem Kreis des Instituts für Sozialforschung, von Benjamin "Teddie", aber stets mit "Sie" angeredet, 1966 eine erste zweibändige Sammlung der Briefe herausgaben, da wurde ihre Edition im Vorfeld der Studentenbewegung alsbald zum Gegenstand eines äußerst heftig ausgetragenen publizistischen Streits. Scholem und Adorno wurden von Helmut Heißenbüttel, Hildegard Brenner, Hannah Arendt, Peter Hamm und anderen mit dem Vorwurf einer parteiischen Edition bis hin zur Textmanipulation konfrontiert. Sie hatten - so der Kern der Vorwürfe - den Marxisten Benjamin, der bei Asja Lacis, Georg Lukács und vor allem Bert Brecht in die Schule der materialistischen Dialektik gegangen war, zurückzudrängen versucht, um den Glutkern seines Denkens, seinen Messianismus, seine marxistisch nur eingefärbte Form der jüdischen Mystik, der Kabbala, umso mehr hervortreten zu lassen. Vielleicht das Dokument einer "rettenden Kritik", aber einer solchen, bei der die Grenze zwischen Rettung und Untergang fließend war.