Eine Heldin über eine Strecke von entscheidenden Jahren und Bänden treu zu begleiten, von der Schuleinführung im ersten Band bis zur abgeschlossenen Adoleszenz im letzten, ist ein Lektürevergnügen, das lange brachlag. An mangelndem Interesse seitens der Leser kann es nicht gelegen haben, wie sonst erklärte man sich den halb verlegenen Rückgriff auf bemooste Dauerbrenner, Vorvorkriegsware, immer mal wieder neu aufgelegt. Vielleicht musste erst jemand kommen wie die aus Kokkola stammende Marjaleena Lembcke, um - unbelastet, vom Hautgout der altdeutschen Serienmädchen-Tradition - das Genre aufzuwerten und zu bereichern um den Wärmegrad des Authentischen und die Würze einer etwas anderen Lebensweise.

13 Jahre (ca. 1950-1963) finnischer Familiengeschichte werden von der ältesten Tochter Leena erzählt, die im sechsten und nunmehr letzten Band 18 Jahre alt ist. Weihnachten, Silvester, Geburtstage, diverse Umzüge, Mittsommer mit plötzlich grassierender, allseitiger Verliebtheit, Unfälle und Krankheiten, Existenzsorgen und Auswanderungspläne, nicht zuletzt eine lange Reise - an alldem durfte der Leser teilhaben. Was Wunder, dass einem Leena und Matti, Tuomo, Oskari, Sonja und Baby Saku nebst Eltern und Mummo, der besten aller Großmütter, von Band zu Band näher rückten, besonders aber Bruder Pekka, Hauptperson des vierten Bandes Als die Steine noch Vögel waren.

Hier nun gerät man gleich zu Anfang mitten hinein in die genüsslich-ausführlichen Vorbereitungen zum Muttertag. Trotz der ärmlichen Verhältnisse im zehnköpfigen Haushalt treiben die Vorstellungen und Pläne, was man der Mutter schenken könnte, je nach Temperament üppige Blüten. Die Geschenke sind denn auch "die allerschönsten, die ich je gesehen habe, und ihr seid die wunderbarsten Kinder auf der Welt und ich bin die glücklichste Mutter der Welt, weil ich eure Mutter bin".

So unbeschwert und von innen heraus beglänzt kann es schwerlich weitergehen, der ältere Leser ahnt es schon, man befindet sich auf dem Wellenberg vor dem Wellental. Ein kurzer Urlaub der Eltern, ohne Kinder, wird ins Auge gefasst und von diesen aufgeregt begrüßt als zu nützende Chance für allerlei Aktivitäten an der Grenze zur Anarchie. Leena etwa plant, vom überantworteten Haushaltsgeld umgehend erst mal eine neue Bluse abzuzweigen. Doch dann werden die Eltern Opfer eines Autounfalls. Als sie endlich aus dem Krankenhaus entlassen werden, ist der Sommer lange vorbei, Kuh und Schweine sind verkauft, und die Mutter ist nicht mehr wie vorher. Sie weint viel, schläft viel, verschwindet und muss gesucht werden.

Leena verdrängt ihre Angst. Hatte die Familie nicht schon andere Schicksalsschläge überwunden? Hatten sie nicht immer wieder Glück gehabt im Unglück? Elektroschocks sollen helfen und erreichen doch nur, dass die Mutter dem Leben, das sie bewältigen soll, noch fremder und verlorener gegenübersteht.

"Während ich meiner Mutter einen Osterstrauß kaufte, ging sie auf den Gleisen einem Zug entgegen. Sie wurde von dem Zug überfahren." Lapidarer kann man den Sachverhalt nicht benennen. Doch in solcher Knappheit schwelt der nie verwundene Schock. Wie einer damit umgeht, ist nicht vermittelbar. Kein Begräbnisprotokoll verwässert den Schluss, der dem Erinnern glücklicher Augenblicke gewidmet ist. Der Platz der Verschwundenen im Gedächtnis ihrer Familie wird warm gehalten werden.

* Marjaleena Lembcke: Abschied vom roten Haus Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2000 153 S., 24,- DM (ab 12 Jahre)