Kathrin Schmidt: Go-in der Belladonnen, Gedichte, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2000, 98 S., 32,- DM.

Wenn Libellen Gedichte schrieben, dann ähnelten sie gewiss denen von Kathrin Schmidt: Schrille Laute, Bilder, die - durch Facettenaugen betrachtet - in tausend Stücke zerfallen, ein rhythmisches Staccato der angewinkelten Versfüßchen. Nicht umsonst schreibt die Lyrikerin gern vom "mundartmündel mit kurzem insektenatem", vom "zirpen im malgang" und von den "tapferen kleinen hautflügelkämpfern". All diese Gattungen und Unterarten sind eine dankbare Projektionsfläche für Kindheitserfahrungen, erotische Erlebnisse - wie überhaupt für alles, wo die Subtilität mit der Brutalität eine schillernde Symbiose eingeht. "noch saßen zierfalter auf unseren schultern" - eine Welt der "belladonnen" öffnet sich, eine Welt der schönen Frauen, zu einer Zeit, als sie noch zur Familie der Nachtschattengewächse gehörten ...

Die kindlich-insektenhafte Naivität erzeugt Bilder, deren Originalität auf ihrer sinnlichen Direktheit beruht: Da ist der inhalierte Rauch "in deinem leib ein kind aus blauem dunst", und die Knie werden "aufgeschlagen wie eier" ...

Aber wo die Materie so brüchig ist, bricht sich auch manches Bild ein Beinchen: "nun steht die stimmblöße hoch im zenit / als nebensonne der wir gern abbinde tun mit einem stoß qualm in die lungen" ... Wo die Luft so summend ist, reißt bisweilen das ohnehin zarte Spinnennetz der Zusammenhänge zugunsten des Gezirpes: "du dummy der geduld", "den lapsus liebe? und den laptop zeit", "vom butt aus der bütt und mit butter gelackt" ... An solchen Stellen verliert die Dichterin ihre poetische Unschuld an den rhetorischen Manierismus, und die lebenden Insekten landen aufgespießt hinter Glas.

Poesie ist ihrem Wesen nach einfach ... Und wenn aus diesen Gedichten das Kind, die Libelle Kathrin Schmidt spricht und nicht die erwachsen gewordene und literarisch gebildete Lyrikerin Kathrin Schmidt, sind sie beachtenswert.

"so lange habe ich / rot gesehen, daß herbst daraus wurde" ... - Das ist alles, aber das ist genug.