Hysterie hat die deutsche Innenpolitik erfasst. Merzens Muntermacher von der Leitkultur gleicht jenem Umschlag von Schwäche in Unberechenbarkeit, den man auch das Jimmy-Carter-Syndrom nennen könnte: Der glücklose frühere US-Präsident versuchte mit der Neutronenwaffe und einem Olympiaboykott jene Kritiker bei Laune zu halten, die ihn für ein Weichei hielten.

Kaum weniger gefährlich scheint die Neigung jener linken Berufshysteriker in Politik und Medien zu sein, beim Thema Leitkultur eine Stimmung zu entfesseln, die man - komplementär zum Carter-Syndrom - als Waldheim-Fieber bezeichnen könnte. Dieses geht auf jenen isolierten österreichischen Bundespräsidenten, der Mitte der Achtziger nur im Rahmen einer Jetzterst-recht-Kampagne ins hohe Amt gelangen konnte. Vorausgegangen war ihr eine geradezu generalstabsmäßige Provokation der verdrucksten österreichischen Volksseele, zum Beispiel durch Alfred Hrdlickas monumentale Pferdeplastik im Zentrum Wiens, die sinnigerweise an Waldheims umstrittene Zugehörigkeit zu einer SS-Reiterstaffel erinnern sollte. Überreaktionen von links haben schon manchen Trotz von rechts befestigt. Man denke nur an die falsche Geste von Bitburg, die gegen weltweite Empörung durchgestanden wurde.

Jüngst erinnerte Heiner Geißler nochmals an die Umstände seiner verunglückten Bundestagsrede vom "Pazifismus, der Auschwitz erst möglich gemacht" habe.

Viel skandalöser will uns heute die Einlassung eines grünen Fraktionssprechers erscheinen, die Geißlers Verwechslung von Pazifismus und Appeasement-Politik vorausgegangen war. Otto Schily hatte nämlich die Nato-Nachrüstung allen Ernstes in die Nähe eines "atomaren Holocaust" gerückt. Dies geschah 1983, Jahre vor der Historikerdebatte, als noch nicht so sensibel von der Einmaligkeit nationalsozialistischer Verbrechen gesprochen wurde und es üblicher war, innenpolitische Fehlentwicklungen mit inflationären Nazivergleichen zu überfrachten.

Seit Jahren funktioniert das Wechselspiel aus rechtem Reizwort und linkem Lamento, Stammtischqualm und Lichterkette. Man könnte es die unfreiwillige Umwandlung von gegnerischen Rohrkrepierern in Angriffswaffen nennen. Auch die wütenden Reaktionen des linksliberalen Mainstreams auf das Gerede von der deutschen Leitkultur hat möglicherweise dazu beigetragen, aus einem flapsigen Versprecher einen hoch explosiven Kampagnentitel zu formen. Hoch explosiv freilich nur, solange man diesseits der Union nicht handelt, sondern nur wütend wird.

1993 wurde die SPD von Kohl zur Jagd aufs alte Asylrecht getragen, hatte er doch der zögerlichen Opposition damit gedroht, anderenfalls deren Verweigerung zum Wahlkampfthema zu machen. Schlechten Gewissens war man ein lästiges Thema und mit Günter Grass ein prominentes Parteimitglied losgeworden und pflegte von da an seine Berührungsängste gegenüber dem schwierigen Komplex Asyl, Zuwanderung, Integration. Als Henning Voscherau 1997 mit unangenehmen Integrationsfragen Wahlkampf trieb, schienen viele Genossen erleichtert über das Scheitern des Nestbeschmutzers. Unvergessen auch die Fehleinschätzung im Regierungslager vor der Unterschriftenkampagne der Hessen-CDU gegen den "Doppelpass". Koch würde scheitern, war seinerzeit zu hören, weil die Neue Mitte mit rechtem Populismus nicht zurückzuerobern sei. Wie man einem unterschwelligen Ausländerwahlkampf rational begegnen kann, bewies hingegen Schröders gelungener Greencard-Feldzug gegen Rüttgers' schäbige "Kinder statt Inder"-Parole.

Also möchte man jenem überzogenen Protest in Politik und Medien entgegenhalten: Lasst nicht nur die Kirche im Dorf, sondern auch Hrdlickas Pferd im Stall. Eine Leitkultur-Kampagne verheißt nur Gefahren, solange ein Einwanderungsgesetz auf die lange Bank geschoben, die Integrationsthematik nicht konzeptionell angegangen wird und alle Migrationsfragen im Wahlkampf unter das Kuratel der Political Correctness gestellt werden.