Die Nation schuldet ihnen allen Dank: dem Herrn Merz und der Frau Merkel von der CDU, Paul Spiegel und Salomon Korn vom Zentralrat der Juden, den Demonstranten und Kritikanten von Berlin am 9. November. Denn sie haben sich nicht bloß über das Reizwort "Leitkultur" echauffiert, sondern vor allem ein wunderbares Paradox dramatisiert: dass es auch den Leugnern um nichts anderes geht als eben - horribile dictu - die L-Kultur.

Was sagt denn Paul Spiegel, wenn er fragt: "Ist es deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?" Ohne sich dessen bewusst zu sein, definiert er in diesem Moment just eine Leitkultur: nämlich durch das, was sie nicht sein darf. Anderswo geißelt Salomon Korn zu Recht Martin Walser ob seiner "neuheidnischen Ideologie", wonach das Ethische allein dem Gewissen des "Einzelnen" gehorchen möge, also "ohne Rückbezug auf ein allgemein verbindliches Wertesystem". Walser habe den "europäischen Wertekonsens" aufgekündigt. Was also sagt der kluge Korn? Dass eine Gesellschaft das Verbindliche braucht - wie seit eh und je, zumindest seit Moses vor 4000 Jahren die Gesetzestafeln empfing.

Und die Demonstranten am 9. November? Als sie Angela Merkel ausbuhten, haben sie sich ungewollt selbst ad absurdum geführt. Ist es nicht Leitsatz ihres eigenen Katechismus, dass niemand ausgegrenzt werden dürfe? Ausgegrenzt haben sie trotzdem - und mehr. Rüde haben sie ihr signalisiert: "Du gehörst nicht dazu." Das heißt doch, dass die CDU-Chefin nicht zu der "Leitkultur" gehöre, welche die Buherinnen und Buher für sich selbst reklamieren. Man kann das L-Wort drehen und wenden, wie man will: Ohne einen solchen Begriff, ohne Wertekanon, geht es nicht.

Dass sich gerade die Deutschen so echauffieren, hat einen sehr deutschen Grund. "Kultur", das ist Metaphysik und Volkstum, das ist der Goethe im Schrank und die Linde über der Bank - den "Kulturbeutel" nicht zu vergessen (siehe "Leben"). Mit culture haben es die Angelsachsen wieder einmal einfacher. Das ist ein wildes Potpourri: Shakespeare und Sprache, Declaration of Independence und Queen, Coke und tea, Blues und Britten, Donald Duck und Francis Bacon ... Nennen wir's doch lieber "Leitwerte" oder "Zivilkultur" - wer könnte sich dann noch guten Gewissens ereifern?

Guten Gewissens kann auch der eingefleischte Multikulti nicht behaupten, dass jede Kultur gleichwertig sei. Gleichwertig und -berechtigt ist der Einzelne (siehe: "Leitkultur, westliche"). Aber Multikultur als anything goes? Das hieße Toleranz für Intoleranz, Freiheit für Unfreiheit, Akzeptanz des Unannehmbaren - sei es die Hatz auf Ausländer, die Unterwerfung der Frau oder die Verfemung des politischen Gegners. Nach kürzestem Nachdenken wird man also gewahr, dass Verbindlichkeit der Zement einer jeden Gesellschaft ist.

Im heucheleigetränkten Streit der Deutschen um das L-Wort geht es in Wahrheit auch nicht um das Prinzip, sondern um das Profil: Welche Leitwerte sollen's denn sein? Dass dieser "Kulturkampf" gerade jetzt ausgebrochen ist, hat einen guten Grund. Dieses Deutschland hat endlich - zähneknirschend - akzeptiert, dass es ein Einwandererland ist. Was heißt das? Die Neuen - es sind nicht mehr die geduckten Gastarbeiter - sagen: "Rückt etwas zur Seite

auch wir wollen bei der Definition des Verbindlichen mitreden." Die Alten sagen: "Nicht so schnell. Lernt Sitten und Sprache