Das gewaltigste, das dickste literarische Werk dieses Herbstes stammt von Alexander Kluge, den wir als Filmregisseur und Fernsehproduzenten, als raunenden Gesprächsführer und scharfsinnigen Juristen, vor allem als historisch ausgreifenden, soziologisch interessierten Schriftsteller kennen.

Aber genau besehen sind an der Chronik der Gefühle, einer 2000 Seiten umfassenden Sammlung von Erzählungen, nur 700 Seiten neu. Kluge hat sie mit seinen früheren Büchern, den Lebensläufen, der Schlachtbeschreibung, den Lernprozessen mit tödlichem Ausgang und den Geschichten über die Unheimlichkeit der Zeit, zu einem sonderbaren Konvolut verbunden. Einerseits ist dies eine erste Werkausgabe, andererseits ein Monolith, der es nicht auf Besinnlichkeit, sondern auf Irritation absieht.

Kluge ist ein Verweigerer des autobiografischen Genres. Für seine gesammelten Erzählungen wählt er den Weg vom Jetzt in die Vergangenheit, von der Gegenwart des wiedervereinigten Deutschland und dessen Lebensläufen zurückschreitend in seine Kindheitsgeschichte des Erzählens, zu den Lebensläufen und der Schlachtbeschreibung. Das Alte verliert den Geruch des Vertrauten, und das unerprobte Neue erscheint in der Kontinuität des Alten.

Zugleich wird daran deutlich, dass Kluges Erzählungen resistent gegen alle Moden sind, dass ihr unterkühlter Duktus in den vierzig Jahren sich kaum verändert hat.

Es gibt wenige Autoren, die man so sicher nach wenigen Sätzen wiedererkennt (und keinen anderen Filmemacher, den man nach so wenigen Einstellungen zweifelsfrei identifiziert). Kluges Stil wirkt so kunstlos, dass man auf Geringschätzung von Spracharbeit schließt und den Einfall, dass einige der neuen Geschichten an Kleistsche Anekdoten erinnern, gleich wieder verwirft.

Es ist die Sprache eines Autors, der als Jurist oder Filmproduzent mit den Mechanismen der bürokratischen Apparate vertraut ist. Auch die jüngsten Lebensläufe erinnern an die Form des Protokolls und der Meldung, vielleicht an eine außerplanetarische Behörde.

Wirkt die Flut der neuen Themen auch überwältigend, so sind dem Chronisten dennoch Halberstadt und Stalingrad die wichtigsten Orte der Welt geblieben.