Manchmal hat man ja schon Mühe, sich die eigenen Verwandten zu merken, die Tanten, Onkels, Schwipp- und Schwappschwager und wie erst die bizarre, von keinem Standesamt je verzeichnete, geschweige denn gebilligte Götterwelt.

Aber manchmal, vor allem auf italienischen Reisen, wenn das Chaos der Mythen von jeder Kirchen- und Museumswand auf einen niederstürzt, wäre man ganz froh, man kennte sich geziemend aus in den Abenteuergeschichten, Schöpfungsdramen, Beziehungstragödien und -komödien der Alten. Der Gerstenberg Verlag hat sich offenbar darauf spezialisiert, das Mythenwissen populär und bilderstark aufzubereiten, und bietet gleich drei verschiedene Bücher an. 50 Klassiker Mythen - Die bekanntesten Mythen der griechischen Antike von Gerold Dommermuth-Gudrich ist das informativste. Man findet darin, alphabetisch geordnet, die meisten Helden und Götter mitsamt ihrer Geschichte, von Achill bis zu den Zyklopen. Eine Konkordanz verhindert die Verwechslung griechischer und römischer Namen. Der Band (311 S., 39,90 DM) ist reich bebildert. Das Layout erinnert zwar an ein Fernsehmagazin, und die abschließende Tabelle über den Bildungs- oder Unterhaltungswert der Heroen (bei Hermes fünf, beziehungsweise vier Sterne) ist blödsinnig, aber die weiterführenden Hinweise auf die Geschichte der Überlieferung bis hinein in Literatur und Oper sind sehr hilfreich. Zu empfehlen für Jugendliche und Erwachsene. Das zweite Buch Mythen visuell von Neil Philipp ist ein prächtiger, nach Weltgegenden geordneter Bildband mit schönen Reproduktionen, der bei den Griechen nicht Halt macht (unsere Abbildung zeigt die rasende Medea auf einem Gemälde von Herbert James Draper) und bei den Germanen, Kelten und Japanern nicht endet. Das ist ein bisschen viel für 128 Seiten (68,- DM), aber man blättert gerne darin und kann einiges auf leichte Weise lernen (für alle ab 12 Jahren brauchbar). Das dritte Buch Die Mythen der Völker - wunderbare Geschichten, die die Welt erklären, stammt ebenfalls von Neil Philipp, ist aber kleiner im Format und noch dünner (61 S., 24,90 DM), sodass der Versuch, die Masse der Mythen thematisch zu ordnen, von der Schöpfungsgeschichte bis zur Unterwelt, in einem einzigen Geprassel von Bildchen und Textchen endet, quer durch die Religionen und Äonen. So erscheint das vorwissenschaftliche Wissen als ein Sammelsurium der Absonderlichkeiten. Eher nicht zu empfehlen.

Es ist im Übrigen nicht egal, von welchen Mythen die Rede ist. Dass auf der indonesischen Insel Sulawesi Krokodile mit "Großvater" angesprochen werden, spricht für die Bewohner Sulawesis. Aber vielleicht ist es für Heranwachsende doch wichtiger, etwas über Antigone und Ödipus zu erfahren und jener Welt der Antike zu begegnen, die Europas Kultur bis heute prägt.

Alle im Verlag Gerstenberg, Hildesheim 1999 und 2000