Der Mensch ist, was er isst. Manchmal allerdings weiß er nicht, was er isst - zum Beispiel Morphium im Mohnkuchen. Mensch weiß dann auch nicht, was er ist - nämlich gedopt. Jedenfalls würde der Kuchenesser bei jedem offiziellen Sportwettbewerb disqualifiziert.

Wie schnell man sich mit Opiaten nichtsahnend über Dopinggrenzen hinausfuttern kann, das haben die Biochemiker Mario Thevis und Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule Köln nachgewiesen. Schänzer leitet das dortige Antidopinglabor, das auch für das Internationale Olympische Komitee IOC arbeitet. Gemäß IOC-Richtlinien gilt als gedopt, wer mehr als ein Milligramm Morphin pro Liter Urin ausscheidet. Nichts einfacher als das!

Man nehme handelsüblichen Blaumohn, am besten Marke Müllers Mühle, und backe damit einen köstlichen Mohnkuchen. Tüchtig reinbeißen, gut kauen, fertig ist der Dopingfall. Schänzer hat die Probe aufs Exempel gemacht und neun Testesser solchen Kuchen verspeisen lassen. Alle waren danach dopingpositiv.

Einer von ihnen hatte 50 Gramm Mohn verputzt. Er wäre, hätte er sich auf die olympische Bahn begeben, noch zwei Tage nach dem Testmahl den Dopingfahndern ins Netz gerannt.

Müllers Mühle entpuppte sich dabei als wahrer Morphium-Spitzenlieferant: stolze 152 Milligramm Morphin pro Kilo Blaumohn, rund 20-mal mehr als der Dope-Gehalt in den Konkurrenzprodukten. Gemerkt hatte allerdings keiner von seinem Räuschlein etwas - dafür waren die Morphinmengen auch in Müllers Präparaten viel zu gering. Genauso wenig ist von spürbaren Leistungssteigerungen nach Mohnkuchenessen oder nach einem Frühstück mit Mohnbrötchen etwas bekannt geworden. Das Beispiel zeigt jedoch: Wenn empfindliche Analytik einhergeht mit strengen Grenzwerten, dann wird sogar Kuchenessen zum Problem.

Nicht nur die Wettkampf betreibenden Sportler sollten wachsam sein, sondern all jene, die zum Doktor gehen und sich gründlich analysieren lassen. Denn bei punktuellen Messungen wird rasch auch Eieressen zum Problem: zu hoher Cholesterinwert! Genauso fragwürdig sind Einzelwerte für Krebsmarker. Moderne Analytik führt immer zum Erfolg: Über irgendeinem Grenzwert liegt am Ende jeder. Dann sind alle gedopt. Oder krank.