Als das 20. Jahrhundert seinen Anfang nahm, feierten sich die Eliten selbst, ihr Fortschrittsglaube, ihre Selbstgewissheit waren scheinbar grenzenlos. Westeuropa beherrschte die Welt, die Industrialisierung öffnete ungeahnte Dimensionen des Wohlstands, und die Triumphe der Naturwissenschaften wiesen auf bis dahin unvorstellbare Entwicklungen hin.

Sie hatten die Menschheit von Massenepidemien befreit, die sie seit Jahrtausenden heimgesucht hatten. Der letzte große Krieg auf dem Kontinent - die militärische Auseinandersetzung zwischen Bismarcks Deutschland und Napoleons Frankreich - lag dreißig Jahre zurück. Nietzsches "Gott ist tot" spiegelte sich nicht zuletzt im Glauben wider, der Mensch habe nun selbst die Schöpferrolle übernommen.

Der öffentlich zur Schau getragene Optimismus übersah das Elend der Massen, die Gefahren der neuen Technologien (vor allem die der Waffentechnik), die dunklen Wolken, die hinter dem Hochmut und der Heroisierung menschlichen Handelns aufzogen. Die Folgen blieben nicht verborgen. Tief wirkende gesellschaftliche Identitätskrisen gehörten dazu, aber auch eine Wirklichkeitsverweigerung, die die europäischen Völker schließlich in einen weltumfassenden, selbstmörderischen Krieg stürzen ließen. In der Kunst wurde dies vielleicht am deutlichsten sichtbar, die Décadence war eine der nervösen Antworten, die sie fand. Sigmund Freud entdeckte die Abgründe des Unterbewussten, in der Malerei, in der Musik, in der Literatur verloren sich die klaren Formen. Aber auch in der Politik wuchsen die Neurosen, der Krieg als Lösungsmöglichkeit rückte zunehmend in den Mittelpunkt, galt als "Selbstreinigung" einer sich verlierenden Zivilisation.

Viel ist über diese Jahre gesellschaftlicher Auf- und Zusammenbrüche geschrieben worden, die dann das 20. Jahrhundert in die Katastrophen zweier Weltkriege und des ideologischen Wahns führten. Jens Malte Fischers Aufsatzsammlung über die Jahrhundertdämmerung steht unter einem besonderen historischen Blickwinkel. Sie untersucht die Auswirkungen dieser Epoche auf die "deutsch-jüdische Symbiose". Rassismus, Erlösungswahn, der schillernde Mythos vom Liebestod, die Verweigerung der Vernunft charakterisieren für Fischer "ein anderes Fin de siècle". Die Opern Richard Wagners, die Dämonie des Weiblichen in Figuren wie Kundry, Salome oder Melusine, das Dandytum eines Oscar Wilde, der Symbolismus und vor allem die Gestalt Gustav Mahlers, des deutsch-böhmischen Juden, bilden ein Zentrum seiner Darstellung. "Gab es so etwas wie eine umfassende Fin-de-siècle-Stimmung? ... Es handelte sich - politisch gesehen - um das Gefühl, sich nationaler Identifizierung entziehen zu müssen, ohne sich andererseits (mit wenigen Ausnahmen) der in Opposition stehenden Sozialdemokratie anschließen zu können. Es war das Gefühl des Abgestoßenseins durch staatliche Macht und imperiale Kraftentfaltung, deren Fadenscheinigkeit man in ihren Repräsentanten verkörpert sah."

Zu Recht weist Fischer darauf hin, dass Begriffe wie "die jüdische Jahrhundertwende" oder "jüdischer Selbsthass" mit Vorsicht zu gebrauchen sind. Das Zeitalter der Nervosität besaß eine riesige Spannbreite. In der Literatur, in der Musik, die von ihren jüdischen Repräsentanten maßgeblich geprägt wurden, waren die Antworten offener als in der Politik. Aber diese war es schließlich, die die Katastrophen auslöste, die "deutsch-jüdische Symbiose" mit einem Massenmord am europäischen Judentum beendete. Fischer weiß Kluges zu berichten über geistige Umbrüche, deren Folgen den Optimismus der Jahrhundertwende in die tiefe Weltskepsis unserer Zeit verwandelten.

* Jens Malte Fischer: Jahrhundertdämmerung Ansichten eines anderen Fin de siècle Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000 319 S., 45,- DM