Eigentlich wähnt man die dicken Zigarren von Bertolt Brecht ja schon im Aschenbecher der Theatergeschichte. Ausgeglüht erscheint das alte klassenkämpferische Revoluzzerfeuer. Abgebrannt wirken die Mittel des epischen Theaters, der berühmte V-Effekt etwa, der - "Glotzt nicht so romantisch!" - das politische Bewusstsein der Zuschauer aktivieren und ihnen gesellschaftskritische Reflexion lehren sollte. Zerbröselt ist die sozialistische Utopie, die Brechts Bühnenkunst inneren Halt gab. Überall: Kalte Asche von einst. Geblieben ist am ehesten noch das aufdringliche Aroma von saurer Moral und politisch korrekter Volkshochschule. Aber an der Hamburger Staatsoper haben sich jetzt Ingo Metzmacher und sein Lieblingsregisseur Peter Konwitschny wieder den guten alten Brecht-Stumpen angezündet und gemeinsam Brecht/Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny auf die Bühne gebracht. Mit kräftigen Zügen haben sie die alten BB-Ideale inhaliert und getestet, ob der Qualm nicht doch noch in den Augen beißt.

Abgegolten ist gerade der Mahagonny-Stoff von 1930 keineswegs, im Gegenteil: Die Wirklichkeit hat ihn längst eingeholt. Das Antlitz unserer Aktienfieber-Schmiergeld-Ballermann-Swinger-Gesellschaft, das uns (nicht nur) aus den Medien entgegenblickt, lässt Brechts fratzenhaftes Zerrbild von der anarchischen Paradiesstadt Mahagonny, in der man "alles dürfen darf", fast ein wenig blass aussehen. Der schräge Schwung beim Tanz über dem gähnenden Abgrund, den Kurt Weill so genial in Musik gefasst hat, klingt vital wie eh und je. Und Paul Ackermanns "Gesetz der menschlichen Glückseligkeit" hört sich an wie das Hohelied auf den Neoliberalismus unserer Tage - "Nimm dir das Geld, du darfst es!". Einen Unterschied zur Gegenwart freilich kann man bei Adorno nachlesen: "Die Stadt Mahagonny", schreibt er in seinem fulminanten Aufsatz aus dem Jahr 1930, "ist eine Darstellung der sozialen Welt, in der wir leben, entworfen aus der Vogelperspektive einer real befreiten Gesellschaft." Die Symbole für dämonische Geldgier, die Träume desparater Fantasie seien "die exakte Projektion der Verhältnisse auf die unberührte weiße Fläche des Zustands, der werden soll." Aber der - die sozialistische klassenlose Gesellschaft - gehört am Anfang des 21. Jahrhunderts schon wieder der Vergangenheit an. Und ohne die utopische "Vogelperspektive" erhält der bitterböse Sarkasmus im Stück einen Drive ins Rabenschwarze, Nihilistische.

Kapitalismuskritik ohne Vision? Was bleibt, ist das hartnäckige "Aber etwas fehlt!", das Paule in der achten Szene seinen Freunden entgegenbrüllt, weil es ihm in Mahagonny nicht gefällt - er spürt einen Phantomschmerz. Danach will er seinen Hut aufessen.

In Konwitschnys Inszenierung ist Paul Ackermanns Hut ein kanariengelbes, keckes Freizeithütchen, auf das "Viel Spaß" geschrieben steht. Alle Männer tragen es in der "Viel Spaß"-Stadt auf dem Kopf. Denn Mahagonny ist eine Mischung aus Club-Urlaubsdomizil und Puff. In weißen Bademänteln rekeln sich die Gäste auf einem riesigen, roten, kaskadenartig abgestuften Plüschsofa.

Alles ist da: Champagner, mondäne Damen mit hochgeschlitzten Kleidern und eine Holzrutsche für das kleine Vergnügen zwischendurch. Später steht auch Ingo Metzmacher mit seiner Staatsopern-Combo auf der Bühne. In einem Jackett aus Silberlamé dirigiert er mit leichter Hand und souverän im Ausdruck all die abenteuerlichen Sachen, die Weill in seiner Partitur ineinander stürzen lässt: Grotesk übertourt die Shimmy- und Foxtrottadaptionen, schneidend die bitterbösen Choralpersiflagen, expressiv den hohen Opernton und herrlich verbeult alles Triviale aus der Gosse. Die Sängersolisten rücken das Stück bewusst weg vom verruchten Huren-und-Ganoven-Schnodderton, auf den sich singende Schauspieler so gerne verlegen. In Albert Bonnemas Paul schwingt etwas vom Tenorglanz des Siegfried mit, den er in der Stuttgarter Götterdämmerung gesungen hat. Inga Nielsen macht aus der Jenny eine leicht outrierte, gefallene Pamina.

Varieté-Schmiss und Klassenkampf

Die große Bordellszene gerät zur bizarren Drang- und Drängelnummer der Männerhorde vor drei rosafarbenen mobilen Kunststoffklos. Beim brutalen Boxkampf im zweiten Teil spuckt Alaskawolfjoe die ausgeschlagenen Zähne im hohen Bogen in die Luft. Nur beim Sterben hat der Spaß auch in Mahagonny ein Ende. Das Entsetzen steht den Menschen plötzlich im Gesicht, wenn dem japsenden Jakob Schmidt das Blut aus den Mundwinkeln sickert, nachdem er sich an putzeimergroßen Fleischkonserven überfressen hat. Routiniert und wuselig hat Konwitschny solche Tableaus des hedonistischen Rausches arrangiert.