Verliebte rauchen so, abwechselnd, an einer Zigarette. In diesem Fall tun sie es während des Essens, was ihrem Ritual etwas Verwegenes gibt. Sie haben dasselbe bestellt, Dunst liegt über Salatblättern, Erbsen und gegrilltem Kalb, und als die Frau plötzlich ein Stück Plastikfolie aus ihrem Wasserglas fischt, ist auch der Mann ein bisschen schockiert. Ja, so weit ist es gekommen mit der Gastronomie in Paris, und das in einem Lokal, in dem Stiche von Wiesenblumen und Wildbret an zart getönten Wänden hängen. Ein gediegener Ort im längst gediegenen Marais. Immobilienmakler nennen diese Zonen des gehobenen Kulturtourismus "Künstlerviertel". Es regnet. Durch die beschlagenen Fensterscheiben sieht man, wie sich in den Gassen mit den hohen Bordsteinkanten der Verkehr zusammenschiebt.

Agnès Jaoui, 36, und Jean-Pierre Bacri, 49, sind dieser Tage das Erfolgsgespann des französischen Kinos und ein Paar von militanter Innigkeit.

"Les Jabacs" nannte sie der Regisseur Alain Resnais. Für ihn schrieben sie gemeinsam die Drehbücher für Smoking - No Smoking und On connaît la Chanson (Das Leben ist ein Chanson). In ihrer Mehrfachexistenz als Drehbuch- und Theaterautoren, als Schauspieler, die zwischen Kino und Theater vagabundieren, in eigenen und fremden Stücken und neuerdings mit einer ersten Regiearbeit, verkörpern sie mehr als den erfüllten Traum vom Autorenkino. Sie sind eine Firma mit Markenprodukten, autonom, produktiv, immer an mehreren Werkbänken zugleich beschäftigt und so populär, dass sich in der Titelgeschichte einer französischen Fernsehzeitschrift ein Neurobiologe, ein Psychoanalytiker und ein Ethnologe mit dem Phänomen ihres Erfolgs auseinander setzen.

Vier Millionen Zuschauer haben in Frankreich ihren Film Le Goût des Autres gesehen, vier Millionen seit März. American Beauty und andere Hollywood-Filme verwies die Komödie ins Souterrain der Quotendiagramme. Warum das so ist?

"Unser Film ist intelligent, lustig, gut geschrieben, gut gespielt", sagt Bacri, dem die Erklärungsmuster der Kritik nur ein leichtes Kräuseln der Mundwinkel entlocken. Seit einer Woche läuft der Film unter dem Titel Lust auf Anderes in den deutschen Kinos. Es ist das Debüt der Regisseurin Agnès Jaoui, Drehbuch beide, in der männlichen Hauptrolle Bacri, in einer weiblichen Hauptrolle Jaoui: Les Jabacs in Höchstkonzentration.

Künstler und Spießer werden auf Kollisionskurs geschickt

Worum geht es? Die Frage stellt sich, denn es geht den beiden um "Themen" und ihre Verhandlung innerhalb einer auf wenige Schauplätze begrenzten Dramaturgie. Ihr Kino ist ein eigenständiger Seitentrieb des Theaters. In jedem Bild soll sich etwas mitteilen, und die Personnage ist fest gezurrt im Tableau wie die Spieler beim Tischfußball. Lust auf Anderes hat sich den hundsgemeinen Lebensstil-Faschismus vorgenommen. "Die Gesellschaft ist nur dem Anschein nach durchlässig. In Wahrheit existieren genau festgelegte Codes. Der Geschmack definiert die Grenzlinien und vice versa." Was Bacri als Erkenntnisziel des Films präsentiert, stellt sich dort zunächst als klassischer Milieukonflikt dar. Künstler verachten Spießer, Spießer verachten Künstler, das ist hinlänglich bekannt. Was aber geschieht, wenn ein Schnauzbartträger sich in die Freiheitskönigin einer Theatertruppe verliebt, wenn einer "den anderen" in sich selbst entdeckt und leben lässt - das erzählen Jaoui und Bacri mit unverhohlener Sympathie für den vermeintlichen Spießer. Intelligent, lustig, gut geschrieben, gut gespielt. Aber? Nichts aber. Man muss nur Märchen mögen und das Unglückselige, das allen Jabacs-Figuren eigen ist. Das passt zusammen, doch, auch wenn es kaum zu glauben ist. Gegen Ende lichtet sich die Grimasse Bacris in der Rolle des Fabrikanten Castella, seine Augen leuchten im Dunkel des Zuschauerraums, und von der Bühne lächelt Clara (Anne Alvaro), die sich als Hedda Gabler gerade erschossen hat und endlich weiß, da unten wartet jemand auf sie.