Man glaubt kaum, was man 600 Seiten lang liest. Tagebuch, Protokoll, Reporterprosa, die sich läutert zu Heldenehrung, sich im nächsten Satz verdunkelt zur Autorenbeschimpfung, Liebeserklärung und Kampfansage. Ein in diesen Jahren flacher Unterhaltung ungeheures Buch - geschrieben von einem wortmächtigen Außenseiter. Ohne dieses Buch zu kennen, darf sich niemand mehr über Thomas Bernhard zu äußern wagen.

Karl Ignaz Hennetmair, Nachbar des Schriftstellers Thomas Bernhard in Oberösterreich, halb Freund, halb Sekretär, mal Handlanger, mal Beichtvater, erinnert sich an einen Abend vor der Glotze, "als die Meldung kam, dass Doderer gestorben sei. Wie elektrisiert sprang Thomas vom Sessel, klatschte in die Hände und rief erfreut: Der Doderer ist gestorben. Auf meine Frage, warum ihn das so freue, sagte er: Doderer war doch in Österreich das Renommierpferd, und solange der lebte, konnte kein anderer was werden ... Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich."

Mit anderen Kollegen, als Konkurrenten, geht der stets von Krankheit und Tod bedrohte Autor nicht freundlicher um: "Böll mag er auch nicht, in einigen Phasen fand er ihn scheußlich. - Der Uwe Johnson, der ist eh so arrogant ...

Ich kann doch nicht dem scheußlichen Uwe Johnson, den ich nicht mag, zum Büchner-Preis gratulieren."

Und so geht es weiter in Vernichtungswut: "In Bezug auf die derzeitigen Neubauten könne man nur auf einen Krieg hoffen, wo diese Bauten alle wieder zerstört würden. Thomas selbst würde die Einsatzbefehle zum Sprengen erteilen, und beim Anblick der Trümmerhaufen würde er erstmals ,positive Worte' wie herrlich, prächtig, wunderbar usw. gebrauchen."

Während die beiden, weil der stundenlang, Tag und Nacht, am Schreibtisch hockende Thomas Bernhard den täglichen Auslauf braucht, durch Sommerwiesen oder Schneewechten stapfen, schwelgt der damals, 1972, noch kaum bekannte Erzähler/Dramatiker oder tobt als Gegen-Gott: "Zwei Stunden lang machte er mich ,fertig'. Es ist unglaublich, was er alles kritisiert. Alles, was sichtbar ist, ob Bäume, Grenzsteine, die Aussicht auf den Hochlecken, alles ist grauenhaft, eine Zumutung ... - Inzwischen ist Thomas aber wieder einmal richtig hergezogen, über alles, eigentlich über die ganze Welt."

Die ganze Welt: Darunter macht es Thomas Bernhard nicht. Und ist doch ein handsam höflicher Kerl, der mit Palatschinken, Reis nach Schönbrunner Art, Rahmstrudel und immer wieder Rahmsuppe, mit oder ohne Weißbrotscheiben, besänftigt werden kann.