Was sollen wir uns unter einer Geschichte der Sinne vorstellen? Als Geschichte der sensorischen Körperfunktionen müsste sie erzählte Evolutionsbiologie sein - zum Beispiel so: Wie entstand und verfeinerte sich der Sehsinn des Adlers oder der Geruchssinn des Hundes? Robert Jüttes Geschichte der Sinne indes befasst sich nur mit einer Spezies, der menschlichen, und auch bloß mit dem evolutionsgeschichtlich kurzen Zeitraum Von der Antike bis zum Cyberspace. Aber in dieser Zeit haben sich die Sinne eigentlich nicht verändert, haben sie keine Geschichte, also -?

Also handelt das Buch in Wahrheit von der Gesellschaft, ihrer Wirtschaft und Kultur und davon, welche Rolle die Sinneswahrnehmungen darin spielen. Das wäre interessant genug, selbst wenn man wie Jütte vorwiegend auf die westlichen Kulturen schaut (nur die Antike des Ostens scheint von Bedeutung zu sein). Was gäbe es da nicht alles zu erforschen und zu beschreiben! Eine geschriebene Geschichte der "Sinnesverhältnisse", wie der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan das Sujet nannte, existiert nicht. Ihr Thema ließe sich so umschreiben: Wie haben unterschiedliche Kulturen die psychischen Auswahlverfahren beeinflusst, mit denen die Menschen ihre Sinneseindrücke ordnen, bewerten, gruppieren?

McLuhan, der bei Jütte leider nur als Randfigur vorkommt, hat auf diesem Gebiet etwas versucht, natürlich in luhanesker Weise, also spekulativ.

Vielleicht geht das nicht anders. Denn wie sonst könnte man beschreiben, wo der Mensch des Mittelalters hinhörte und was er nicht sah und was der Römer empfand, wenn er feines Tuch anfasste? Auf diese psychischen Tatsachen kann der Historiker nur indirekt schließen, etwa aus den Dokumenten der Kunst oder aus den Gegenständen, die Werkzeuge für die Sinne waren (Brillen zum Beispiel oder Mikroskope), auch aus den Büchern der Köche und der Philosophen. Die einschlägige Hilfswissenschaft, die Psychologie, ist überdies ein äußerst wackliges Gerüst.

Eine Sinnesgeschichte hat auch Jütte nicht vorgelegt. Aber er präsentiert immerhin den ersten Materialband zum Thema. Alle Historiker der Sinne, wenn es sie denn gäbe, müssten das Buch lesen, um zu wissen, wovon sie ausgehen dürfen. Und wir anderen dürfen, ja sollten Jüttes Geschichte der Sinne ebenfalls durchstöbern, denn Jüttes Sammlung von Fakten, Zitaten und Einsichten liest sich unterhaltend (von den Anfangskapiteln abgesehen, die einer Festschrift oder einem anderen akademischen Sarg entsprungen sein könnten).

Mit Begeisterung fürs Detail breitet der Autor aus, was er zu seinem Thema gefunden hat, und zur tieferen Beeindruckung des Lesers fügt er ein 25-seitiges Literaturverzeichnis an, obwohl wir es doch mit einem populärwissenschaftlichen Sachbuch und nicht mit einer Habilitation zu tun haben - Jütte ist schon lange Professor, und zwar für Neuere Geschichte.

Beschlagen ist er zumal in der Ideengeschichte: Was dachte man über die Sinne, damals, und wie denken wir heute? Also erzählt Jütte auch diese Geschichte, oszilliert zwischen der "Sinnesgeschichte" und der Ideengeschichte, aber das macht nichts, oder besser, das macht doch etwas, nämlich Spaß.