Jerome Charyn: Die dunkle Schöne aus Weißrußland, aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld Alexander, Fest Verlag, Berlin 2000, 140 S. , 29, 80 DM.

Ganz hinten im Buch, auf dem letzten Foto des Bildteils, sitzt"Baby Charyn", fünfjährig, mit Topfschnitt, Segelohren, Krawatte, und guckt schon sehr kompetent aus der Wäsche. Aus der Winzlingsperspektive ist die Geschichte geschrieben, deren Protagonistin, The Dark Lady from Belorusse, Baby Charyns Mama ist, eine un-zweifelhafte Schönheit als junge Frau, in späteren Jahren im Gesicht und um die Hüften herum sich ein wenig verbreiternd, wie ebenfalls der fotografische Anhang belegt. Faigele ("Vögelchen"), so wird sie genannt, die Männer liegen ihr zu Füßen, wir befinden uns im New York der vierziger Jahre, es ist Krieg, und als der Präsident stirbt, fürchtet die dunkle Schöne, sie habe ihn umgebracht, weil sie ihn nicht gewählt habe."Mam, Millionen Menschen haben Roosevelt nicht gewählt", wendet der aufgeweckte Filius ein."Aber nicht in der Bronx. Da war ich die einzige", entgegnet die Mam, und gegen solche Argumente ist kein Kraut gewachsen.

Faigele behält immer das letzte Wort, weil die vielen Kavaliere um sie herum schlechterdings hingerissen sind von ihr und ihrem wunderbaren Englisch ("Ist Leute von Finanzamt in andere Zimmer?")und auch von der Tatsache, dass es zweierlei Ehen gibt auf Erden:Vernunftehen und Ehen mit Faigele Paley Charyn. Womit von Mr. Sam Paley zu sprechen wäre, Babys Vater, einem Kürschner und Luftschutzwart der allerdings spielt in dieser Geschichte keine bedeutendere Rolle als beispielsweise ein gewisser Chick, seines Zeichens Schwarzhändler, der"den Dienstplan meines Vaters" kannte, , wie es augen-zwinkernd heißt."Sag nicht so viel, Darling", sagt die Mam zu Chick, der sie gern "Darling" nennt im Übrigen besteht sie auch in Chicks Anwesenheit darauf, ihrem Sam ein Stew zu kochen (auch wenn der Schwarzhändler eifersüchti g mault):"Du hast keine Mann, der frißt wie Pferd!" Sich selbst bleibt die Dark Lady jedenfalls treu, und trotz Krieg und jüdischer Diaspora stellt sich in Jerome Charyns Erinnerungsbüchlein der Eindruck ein:Hier ist die Welt noch satt und prall und voll in Ordnung.