Im europäischen Krisenjahr 1933 machte sich ein junger Mann aus gutem Hause auf den Weg, um den Kontinent von Nordwesten nach Südosten zu Fuß zu durchqueren. Er war achtzehn, als er in Rotterdam aufbrach, und vier Jahre unterwegs, bis er Konstantinopel erreichte. Diese Wanderung machte ihn schon früh zur Legende, und die zwei Bände, in denen er von seiner Reise elegant wie gelehrsam berichtete, nahmen sich seither viele Reiseschriftsteller zum Vorbild. Ob Paul Theroux oder Bruce Chatwin, sie alle bezogen sich auf A Time of Gifts und Between the Woods and the Water, deren Verfasser ihnen das verwirklicht zu haben schien, was sie selber propagierten: die "nomadische Lebensform".

Patrick Leigh Fermor lebt heute, im Alter von 85 Jahren, auf der Mani, dieser rauen, erhabenen Landschaft am Peloponnes, und sein Haus in Kardamily ist das Ziel zahlloser englischer Pilger. Das wiederum hat nicht nur mit dem Ruhm des Autors zu tun, der auch zwei Griechenlandbücher, Mani und Rumeli, veröffentlicht hat, die zum Handgepäck jedes gebildeten Engländers gehören, der in die Ägäis fährt. Nein, Leigh Fermor ist in England und in Griechenland nicht nur als großer Reisender, sondern auch als Kriegsheld eine geradezu populäre Gestalt.

Während des Zweiten Weltkriegs von der Royal Army als Verbindungsoffizier auf Kreta eingesetzt, hatte er auf der von der Wehrmacht besetzten Insel den Kontakt zu den Partisanen herzustellen und sie in ihrem Kampf gegen die Okkupanten zu unterstützen. In einem verwegenen Handstreich setzte Leigh Fermor damals den deutschen Befehlshaber von Kreta, General Kreipe, gefangen, eine Husarentat, die nach 1945 in englischen Filmen und griechischen Büchern verklärende Darstellung fand. Im Film spielte Dirk Bogarde die Rolle des tollkühnen Autors, der ganz anders schreibt, als man nach all den Anekdoten, die von seinem Abenteurertum künden, glauben würde in Griechenland wiederum waren es die Kombattanten des Widerstands, die in ihren Erinnerungsbüchern des noblen englischen Offiziers gedachten. Zumal George Psychoundakis, ein Schäfer und Partisan, hat in seinem vielgelesenen, auch ins Englische übersetzten Buch The Cretan Runner höchst Rühmendes über ihn berichtet. Aber auch ein düsteres Kapitel im Leben Leigh Fermors findet sich in den Aufzeichnungen des Schäfers, der den verschiedenen Gruppen des kretischen Widerstands als Kurier diente.

1943 hatte Leigh Fermor in einem Versteck beim Putzen des Gewehres versehentlich dem griechischen Partisan Yanni Tzangarakis ins Bein geschossen der junge Mann war wenig später an seiner Verwundung gestorben, hatte dem Engländer vor Zeugen das letale Missgeschick aber noch ausdrücklich verziehen. Damit es in diesem Gebiet mit seiner archaischen Sozialstruktur zu keiner Blutrache komme, war Leigh Fermor dann Pate der Nichte von Tzangarakis geworden und so der Familie seines Freundes und Opfers beigetreten. Nach dem Krieg blieb er in dem Land, für dessen Befreiung er gekämpft und in dem er einen Freund getötet hatte.

Dieser kursorische Überblick über die Mythen, die sich um das Leben Leigh Fermors ranken, ist notwendig, wenn man dem deutschsprachigen Publikum einen Mann vorstellen möchte, der im angelsächsischen Raum die höchste Verehrung genießt, bei uns aber nahezu unbekannt geblieben ist. Dabei hat es mehrere Versuche gegeben, sein Werk ins Deutsche zu übersetzen doch während er in England als bedeutender Schriftsteller gilt, wurde er hierzulande als vermeintlicher Sachbuchautor ins Rennen geschickt. In England wäre das nicht weiter schlimm, in Deutschland aber verzeiht man zwar den Hang zu schlechter Lyrik, nicht aber die Vorliebe für geistverdächtige Genres wie den Essay, das Reise- oder Tagebuch, die Biografie oder historische Studie. Rumeli und Mani waren auf Deutsch 1972 und 1973 im Otto Müller-Verlag erschienen während das Erste seit Jahren vergriffen ist, soll immerhin das Zweite, das im englischen Original viele Dutzend Auflagen erreichte, im nächsten Frühjahr neu aufgelegt werden. Damit es bis dahin und bis sich endlich ein Verlag Leigh Fermors Wanderung vom Ärmelkanal zum Bosporus sowie seiner anderen Reisebücher annimmt, nicht zu lange dauert, kann man sich jetzt in einem merkwürdigen, schmalen Buch ein Bild von ihm machen.

Reise in die Stille ist keines seiner Hauptwerke, aber doch eines, das viel von dem spröden Charme dieses Autors hat. Da sich neuerdings depressiv verstimmte Manager und ausgebrannte Besitzer von Fettlebern gerne in Klöstern zum Seminar treffen, um sich die Freuden der Stille und Askese zu teilen, ist dem Büchlein aus dem Jahr 1957 sogar unerwartete Aktualität zugewachsen.