Ein Staat ohne Staatsschuld thut entweder zu wenig für seine Zukunft, oder er fordert zu viel von seiner Gegenwart." Das schrieb schon der Finanzwissenschaftler Lorenz von Stein in seinem 1871 veröffentlichten Lehrbuch und widersprach damit der "leicht erklärlichen Abneigung" der Bürger gegen die Verschuldung des Staates. Auch wenn die Erkenntnis des deutschen Finanzklassikers populären Vorurteilen zuwiderläuft - sie gilt heute noch.

Bei Finanzminister Hans Eichel (SPD) klingt das ganz anders. "Schulden machen heißt die Zukunft verspielen", sagte der Spar-Minister jüngst in einer Rede an der Berliner Humboldt-Universität. "Die Zukunft gewinnen können wir nur, wenn wir die Schulden abtragen."

Politisch gesehen hat Eichel Recht, an seinem Sparwillen keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Auch ökonomisch gibt es kein stichhaltiges Argument gegen die Konsolidierung des öffentlichen Budgets. Bei einer Staatsschuld in Höhe von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, bei jährlichen Zinszahlungen allein des Bundes von über 80 Milliarden Mark geht es vorrangig darum, die Sünden von Eichels Vorgängern wiedergutzumachen. Indem diese im Übermaß Kredite aufnahmen, engten sie nicht nur den Spielraum heutiger Finanzpolitik ein, sie trieben auch die Zinsen nach oben - und behinderten damit private Investitionen.

Dennoch: Nicht alle Schulden trüben die Zukunftsaussichten. Manche öffentliche Investitionen etwa in Verkehrswege oder Bildung und Forschung fördern das künftige Wachstum der Volkswirtschaft und den Wohlstand der Gesellschaft. Auf solche Investitionen nur deshalb zu verzichten, weil sie mit Krediten finanziert werden müssen, wäre sogar schädlich. Bedingung ist jedoch, dass diese Ausgaben die Produktivität der Volkswirtschaft erhöhen - und zwar so stark, dass die zu erwartenden Erträge höher sind als die Belastungen. Zu Letzteren zählen nicht allein die Kreditzinsen, sondern auch die - in früheren Jahren oft sträflich vernachlässigten - Folgekosten der Investitionen.

Voraussetzung ist ferner, dass die Laufzeit des Kredits nicht länger ist als die Nutzungsdauer. Wenn etwa ein Computer nach fünf Jahren durch einen neuen ersetzt werden muss, darf der Staat ihn nicht über eine dreißigjährige Anleihe finanzieren. Bisher wurden Kredite am Ende ihrer Laufzeit, wenn sie getilgt werden mussten, sogar durch immer neue Kredite ersetzt. Diese ewige Anschlussfinanzierung hat dazu geführt, dass der Staat heute noch Zinsen für Investitionen zahlt, die längst niemandem mehr nützen.

Gerechtfertigt sind neue Staatsschulden auch dann, wenn bei einer Konjunkturschwäche die Steuereinnahmen sinken und höhere Ausgaben - etwa für eine höhere Zahl von Arbeitslosen - notwendig werden. Im Jargon der Finanzpolitiker sind dies die "automatischen Stabilisatoren". Denn würde der Staat in diesen Fällen Ausgaben kürzen, um eine zusätzliche Verschuldung zu vermeiden, würde er den Konjunktureinbruch noch verschärfen - und die Zukunftschancen von Wirtschaft und Bürgern verschlechtern.

Deshalb gilt: So richtig Eichels Budgetkonsolidierung ist - auch Lorenz von Stein wird in Zukunft Recht behalten: "Es hat nie einen civilisirten Staat ohne Staatsschuld gegeben, ja es soll nie einen solchen geben."