Im September 1944 begann die damals 53-jährige Helene Holzman aufzuschreiben, was sie während der drei Jahre deutscher Besatzung im litauischen Kaunas erlebt hatte. Mit einem Bleistift schrieb sie drei dicke Kladden voll. Anfang August 1945 war das Werk vollbracht. Der Bericht endet mit dem 1. August 1944, dem Datum der Befreiung durch die Rote Armee. "Mit dem heutigen Tag war der schreckliche Traum, die schreckliche Wirklichkeit, die unser Leben, das Leben von Tausenden, Hunderttausenden sinnlos und wahnwitzig zerstört hatte, abgefallen."

Die aus einer deutsch-jüdischen Jenaer Bürgerfamilie stammende Malerin und Kunsterzieherin hat offenbar nie daran gedacht, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Sie wollte, indem sie sich das gerade Erlebte noch einmal in allen Einzelheiten vor Augen führte, die Erinnerung daran festhalten. Als sie 1965, nach langen Bemühungen, von den sowjetischen Behörden die Genehmigung zur Ausreise in die Bundesrepublik erhielt, befanden sich in ihrem Gepäck auch die drei Kladden.

Erst nach dem Tode Helene Holzmans im Jahre 1968 hat die jüngere Tochter Margarete, die mit der Mutter überlebt hatte, die Aufzeichnungen in die Hand genommen, und erst jetzt, über ein halbes Jahrhundert nach der Niederschrift, hat sie sich entschlossen, sie gemeinsam mit dem Schriftsteller Reinhard Kaiser zu veröffentlichen. Beiden ist zu danken, denn ohne Zweifel handelt es sich hier um eine historische Quelle von außerordentlichem Rang. So eindringlich wie sonst wohl nur das Tagebuch der Mascha Rolnikaite, der "litauischen Anne Frank", aus dem Wilnaer Ghetto (erschienen in der DDR 1967 in einer Übersetzung aus dem Russischen, eine neue Ausgabe ist in Vorbereitung), legt sie Zeugnis ab von einem der furchtbarsten Kapitel in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs: der Vernichtung der Juden in Litauen.

Der Bericht setzt ein mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Kaunas Ende Juni 1941. Unmittelbar danach beginnen die Mordkommandos der SS, unterstützt von nationalistischen litauischen "Partisanen", ihr blutiges Vernichtungswerk.

Auf den Straßen wird Jagd auf Juden gemacht die Verhafteten schafft man zum VII. Fort außerhalb der Stadt, wo sie sofort erschossen werden. "Sie gingen sprachlos, wie entgeistert über das unfaßbare Dunkle, das über sie hereingebrochen ... Hinter und neben ihnen Partisanen, das Gewehr in der Hand, mit harten, grausamen Gesichtern und überzeugtem Schritt, wie die Schächer auf einer mittelalterlichen Kreuzigung von Multscher ... Kein Bild kann diese tierische Grausamkeit, diese abgründigen Leiden darstellen."

Auch Helene Holzmans Ehemann Max, ein bekannter jüdischer Buchhändler, und ihre ältere Tochter Marie werden von der Straße weg verhaftet. Der Mann wird sofort ermordet die Tochter kommt zwar nach wenigen Tagen wieder frei, doch schon bald wird sie erneut festgenommen und Ende Oktober 1941 zusammen mit fast 10 000 aus dem Ghetto selektierten Juden erschossen. "Ihre Tochter ist tot", eröffnet ihr ein SS-Beamter. "Das war doch eine gefährliche Kommunistin, und ihr Vater war Jude. Jetzt wird mit allen Juden hier aufgeräumt. Wir selbst beschmutzen uns nicht damit, dazu haben wir die Litauer."

Wie die Mordaktionen in Litauen nach einem "bis ins kleinste ausgearbeiteten Plan" abliefen, das hat Helene Holzman aufgrund zahlreicher Berichte von Augenzeugen rekonstruiert: "Die Exekuteure waren überall litauische ,freiwillige' Partisanen. Deutsche Polizei und Wehrmacht leitete und überwachte die Handlung. Wo die Litauer schlappmachten, wurden sie mit Alkohol aufgemuntert. An vielen Orten wurden die Szenen von deutschen Filmakteuren aufgenommen. Bei den Aufnahmen wurde darauf geachtet, daß nur litauische Exekuteure auf die Platte kamen ... So teuflisch, so unbeschreiblich entsetzlich war diese Folge von Untaten, daß die Sprache sich sträubt, sie festzuhalten" (55 Jahre nachdem dies geschrieben wurde, wird der ungarische Historiker Krisztián Ungváry behaupten, 90 Prozent der Bilder in der Reemtsma-Ausstellung zeigten keine Verbrechen der Wehrmacht, weil darauf keine deutschen Soldaten zu sehen seien, und er wird für diese Behauptung im Land der Täter viel Beifall bekommen!).