Die Mediziner waren ratlos. Der Patient war Geiger, keine 20 Jahre alt und schon ein Star, als Sohn eines polnischen Buchhalters aufgewachsen und nach dem Londoner Debüt von Publikum und Presse umjubelt. Und dieser Josef Hassid rührte die Geige nicht mehr an. Er behauptete, er habe nie etwas mit Musik zu tun gehabt.

Als auch Winston Churchills Leibarzt nicht helfen konnte, wurde Hassid 1950 in Epsom einer Gehirnoperation unterzogen, die er nicht überlebte. Ein grausiger Einzelfall. Aber Hassid ist nicht der Einzige, der den Druck des Musikbetriebs nicht aushielt und in die Krise geriet. Geiger scheinen da besonders gefährdet zu sein.

Das Feld der "großen Geiger" ist übersät mit verglühten Kometen, verkannten Genies, Infarktopfern, Aussteigern, die wie Toscha Seidel nach frühem Ruhm in ein Orchester abtauchten oder wie Ricardo Odnoposoff beinahe den wichtigsten Wettbewerb gewonnen hätten, wäre ihm nicht David Oistrach zuvorgekommen ...

Ihnen allen, rund 80 Geigern begegnet man bei Harald Eggebrecht, der zwar keine Opfergeschichte der Violinkunst geschrieben hat, aber mehr als andere an den Risiken und Abstürzen der Hochgeigerei interessiert ist. Am Rausch der Perfektion, den Jascha Heifetz und die Plattenindustrie entfachten, am Niveauverlust, den die Flucht jüdischer Musiker einst in Deutschland bewirkte.

Und natürlich am Schicksal der jüngsten Generation von Hilary Hahn bis Joshua Bell, die ein Anlass für dieses Buch war. In den letzten zehn Jahren haben sich so viele Neue etabliert, dass die Violingeschichte ergänzt werden muss.

Oder doch revidiert? Stürzen jetzt Denkmäler, wird Heifetz exkommuniziert?

Man ahnt den Zauber bei der Lektüre, wie von ferne Keineswegs. Auch wenn der Autor seine Kapitel nicht chronologisch, sondern im Epochenzickzack sortiert, bleibt er doch in der Tradition der Heldengalerie, wo einer nach dem andern biografisch und musikalisch porträtiert wird.