Die Kladde ist für Henry inzwischen mehr als nur die Sammlung von Notizen und Texten. Er würde sicherlich jede neugierige Unterstellung abwehren, dass er diese Blätter so dringend braucht wie die Luft zum Atmen, aber wenn er überhaupt versuchen würde, seine Notizen zu bewerten, so wären sie Ausdruck des Versuchs, ein intelligenteres Selbst zu fixieren." Die Aufzeichnungen des Henry Magdaleni tragen den Titel Tintenpalast, denselben also wie das Buch, in denen sie auszugsweise geschrieben stehen. Und die seltsame Konjunktivkaskade gibt nicht nur Henrys Verhältnis zu seinem Schreiben wieder, sondern erinnert auch den Leser des wüsten Romankonvoluts daran, dass er dringend etwas für sein eigenes intelligenteres Selbst tun muss. Denn dies ist irgendwo stecken geblieben auf dem Weg zwischen einem heillosen DDR-Alltag und einer Irrfahrt durch die namibische Wüste und arbeitet heftig und vergeblich an der Konstruktion von Zusammenhängen.

Doch ein Paar Pflöcke sind in den rutschigen Romanuntergrund eingeschlagen: Jener Henry hatte eine unschöne Kindheit in der DDR-Provinz, in Blubars - das klingt immerhin gut nach Plattenbau und Caipirinha. So unschön ging es denn auch gar nicht weiter, denn als Teenager hatte Henry gleich zwei etwas reifere Schwestern als Sexgespielinnen. Aber dann ging es doch unschön weiter, denn deren Vater, der letzte DDR-Privatunternehmer, hielt dauernd ellenlange Angeberreden beim Abendessen, weshalb Henry ihn auch als Steuerhinterzieher beim Staat denunzierte. Kurz darauf sind Vater und Töchter tot wieso, wissen weder Henry noch der Leser so genau. Und auch nicht, wie die ganze Stasi-Geschichte ins Rollen kam. Henry, ein inoffizieller Mitarbeiter?, ein Schriftsteller?, macht sich an einen Typen namens Simon Sanges heran, einen existenzialistisch gestimmten Einzelgänger ohne Job, der mit seiner Sachbearbeiterin auf dem Arbeitsamt anbändelt. Warum gerade Sanges? Da es keinen gescheiten Grund gibt, denken wir uns Sanges im Sinne unseres intelligenteren Selbst als eine Mischung aus Henrys Alter Ego, symbolischem Opfer und ewigem Gegenspieler. Womit wir bei der allegorischen Dimension des Romans wären.

Olaf Müller hat sich nämlich den ganzen ungefähren Klumpen aus Ödnis, Verrat und Tragik namens DDR gepackt und ihn mit einem überirdischen Dreh ins südwestliche Afrika transportiert, wo er als existenzialistisches Seelendrama mit camusschem Nihilismus in einer Staubwolke niederkommt. In der Namib, der Wüste Namibias. Ein Staat übrigens, der 1990 seine Unabhängigkeit gewonnen hat, was allerdings für das Romangeschehen so belanglos ist wie die Akademie der Künste der DDR für die Voodoo-Priester in Henrys Hütte.

In Namibia nun reisen Henry und Simon in männlicher, von Frauen und Alkohol verstärkter Einsamkeit durch die Gegend, mal nach metaphysischem Schweiß riechend wie die Getriebenen Bodo Kirchhoffs, mal in Traumzeit flimmernd wie die Verlorenen von Paul Bowles. Was wollen sie eigentlich? Der eine flieht, der andere nichts wie hinterher. Wenn er ihn endlich hat, Simon jenen Henry Magdaleni nämlich, der offenbar nach der Straße der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin benannt ist, dann kommt ein Wüstensturm daher und weht dem einen die Kalaschnikow aus der Faust.

Und weiter geht's durchs wilde Namibistan. Sinn- und endlos. Doch halt, irgendwann gehen die Tintenpalast genannten Aufzeichnungen Henrys verloren.

Macht nichts! Wir haben ja das gleichnamige Buch vor uns, in dem die vor Eigentlichkeitsanmutung schier platzenden Sätze für uns alle gerettet sind und unsere Intelligenz auf die Probe stellen: Wir lesen eine verlorene Schrift, entziffern verwehte Spuren, folgen der écriture der Wüste, in der bekanntlich das Menschenantlitz verweht - oder war es am Saum des Meeres ...?

Unser intelligenteres Selbst jedenfalls liegt zwischenzeitlich in schweren postmodernen Wehen.