Es hätte eine gute Nacht werden können: Als Luc die Küste Madagaskars hinter sich lässt, steht der Neumond als schmale Sichel am Himmel. Mit seiner Piroge segelt er aufs offene Meer hinaus. Bald wird es stockfinster sein, optimal zum Fischen. Wie unzählige Male zuvor wird Luc die Nacht auf dem Wasser verbringen. Nur 100 Meter von der Küste entfernt, bringt er sein Stellnetz aus. Der Fischer zündet eine Signallampe an und legt sich schlafen.

Am nächsten Morgen will er mit einem prall gefüllten Netz zu seiner Familie zurückkehren.

Doch kurz vor Mitternacht nähert sich brummend das Geräusch eines Schiffsmotors. Ein paar Minuten lang wird es lauter und lauter, dann ein kräftiger Rums. Die Piroge wankt, bricht und versinkt im Meer. Was Luc besitzt, verliert er in dieser Nacht: sein Boot, das wertvolle Netz und beinahe auch sein Leben. Ein Krabbenkutter des madagassisch-französischen Konsortiums Pêcheries de Nosy Be hat das Fischerboot gerammt.

Bei solchen Zusammenstößen haben die kleinen Fischer keine Chance. Immer wieder kommt es zu ähnlichen Unfällen, nicht nur vor der Küste Madagaskars.

Überall in den Tropen dringen Industrieschiffe in die Fanggründe der einheimischen Küstenfischer ein. Meist fahren sie unter ausländischer Flagge.

Manchmal enden die Kollisionen sogar tödlich. "Es gilt das Recht des Stärkeren", sagt Uwe Lohmeyer, Fischereiexperte der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

In den südlichen Meeren konkurrieren ungleiche Partner. Auf der einen Seite stehen die Küstenfischer. Für den eigenen Kochtopf nutzen sie alles, was ins Netz geht, vom Hai bis zur Sardine. Auf der anderen Seite operieren riesige Fischtrawler aus Frankreich, Spanien oder Japan. Sie fangen Luxusprodukte für den Weltmarkt, vor allem Shrimps und Tunfisch. Allein in den afrikanischen Gewässern dürfen mehr als 600 EU-Schiffe ihre Netze auswerfen. Direkte Zusammenstöße mit den Pirogen könnte es eigentlich schon gesetzeshalber nicht geben: Motorisierte Kähne müssen außerhalb der Zweimeilenzone bleiben. Der Küstenstreifen ist für die Boote der regionalen Fischer reserviert. "Doch daran hält sich niemand", sagt Lohmeyer. Krabbenkutter fahren direkt in die Mangrove. Dort gibt es die meisten Shrimps. Die Folgen sind katastrophal, denn die Küstenwälder sind die Kinderstube unzähliger Fischarten. Die Jungtiere landen als ungewollter Beifang in den Netzen der Garnelenfischer