Im Frankfurter Stadtteil Oberrad, wo die Bewohner im Volksmund "Krautäsch" heißen, weil sie leidenschaftlich gern Gemüse anbauen, steht in einem Hinterhof ein schmales Haus. Eine Holzstiege führt von außen zum ersten Stock, die Dachschiefer sind von Efeu überwuchert. Die im Internet annoncierte Postadresse des Hexenhauses stimmt nicht mit der wahren Adresse überein. "Muss ja nicht jeder gleich direkt hierher finden", erklärt Christian Steup das konspirative Verwirrspiel - und lächelt milde. Pakete nimmt seine Mama am anderen Ende von Frankfurt am Main entgegen.

Der ausgebildete Arzt und Apotheker steht im Untergeschoss der lieblichen Laube, um ihn herum rotieren Glaskolben in Heizschalen, blubbert die Hochvakuumdestillation, wirft ein Massenspektrograf bunte Linien auf einen Computermonitor. In dem High-Tech-Labor mit dem Charme einer Land-WG betreibt Steup mit seinen fünf Mitstreitern die Pharma-Firma THC-Pharm, The Health Concept, das einzige deutsche Unternehmen, welches aus Cannabis Substanzen für Arzneimittel herstellt.

Die Existenz des Kleinstlabors belegt, dass nach jahrzehntelanger Verteufelung die Wissenschaft nun Wirkungen, aber auch Nebenwirkungen des Uralttherapeutikums neu erkundet. In den USA, Großbritannien, Kanada und jüngst auch in Australien haben die Regierungen von Forschern den Nutzen von Cannabis für die Medizin bewerten lassen und sind zu einem eindeutigen Votum gekommen: Der zentrale Wirkstoff des Gewächses, Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), der bei Kiffern auch das Wohlgefühl erzeugt, ist für die Medizin nützlich. Noch aber ist das verfemte Hippie-Kraut nicht völlig rehabilitiert.

Als Joint geraucht, in Tee gelöst oder unter die Backmischung gemixt, ist Cannabis seit langem als illegale sanfte Droge beliebt. Mit der Dröhnung für Kiffer, die ein Substanzgemisch enthält, hat das Produkt aus dem Frankfurter Hinterhof nur noch entfernt Ähnlichkeit: In der Arznei steckt einzig halb synthetisches THC. Seit Juli hilft es ganz legal Kranken mit Querschnittslähmung oder Multipler Sklerose (MS), Aids- und Krebspatienten.

Am Main profitieren rund 100 Menschen schon seit drei Jahren vom Engagement der THC-Pharmazeuten. Denen ist es gelungen, die Droge erst zu synthetisieren und dann durch geschickte Interpretation des Betäubungsmittelgesetzes als Dronabinol in die Apotheken zu bringen. Den Weg wies ein Passus im Arzneimittelgesetz, der Apothekern erlaubt, in geringem Umfang eigene Betäubungsmittel herzustellen.

Zentralküche für die Drogenzubereitung war zunächst die Frankfurter Bock-Apotheke. Schon bald pilgerten Patienten aus über 100 Kilometer Entfernung in die Offizin. Vor allem unter gut organisierten chronisch Kranken, die stets über alle Therapiemöglichkeiten informiert sind, ist schon lange bekannt, dass in Joints Linderung steckt. Ausgemergelte Aids- und Krebspatienten fanden ihren Appetit wieder, und MS-Kranken löste der Stoff die verkrampften Muskeln. Es gibt kaum ein Leiden, bei dem Betroffene den Eigenversuch mit illegalem Marihuana scheuten.

Das Telefon wurde abgehört, der Zoll schlich ums Gebäude