"Du kannst es ungesehen machen, aber du kannst es nicht ungeschehen machen."

Der finstre Herr auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses spielt im neuen Struwwwelpeter (nur echt mit dreifachem Netz-w), und er spricht vom schlimmsten Verbrechen, vom Kindsmord. Es könnte aber, leider, auch von der Eröffnung einer Bühne die Rede sein. Das Schauspielhaus, größtes deutsches Theater, erlebt an manchen Abenden den Horror Vacui: Es kommt sich ungesehen vor. Es hat, sechs Wochen nach Beginn der Stromberg-Ära, ein bisschen mit Endzeitstimmung zu kämpfen: Viele Premieren, zu wenig Publikum, flauer Durchschnitt, wo sind die Höhepunkte? Hier, endlich: Im Foyer des zweiten Ranges kommen Menschen zu Wortfindungshöhepunkten. World wide web - slums heißt eine Soap Opera von René Pollesch, die, vom Autor auch in Szene gesetzt, wochenweise das Theater neu erfinden wird und so schöne Untertitel hat wie Bevor ich lodernd in Bargeld aufging oder Deregulierte Märkte brauchen deregulierte Emotionen. Die erste Nummer hieß Soaps sehen nur live richtig gut aus und klang vor allem gut. Am Rande einer gemütlich vermüllten Spielfläche sitzt die Souffleuse Renate Prozesky und wirft den Akteuren (Caroline Peters, Catrin Striebeck, Stefan Merki, Bernd Moss) Worte zu, wenn sie auch nur eine Sekunde schweigen: Es ist, als würden Teilchen in eine Zentrifuge zurückgeworfen. Pollesch ist schnell, er hält Schritt mit dem Sprachwachstum der Welt. Seine Figuren sind die Enteigneten und Ausgecheckten, die Mühseligen und Runtergeladenen des Internet-Zeitalters. Es herrscht der sedierende Tonfall einer Homeshoppingdauerwerbesendung, durchsetzt von gellenden Ausbrüchen. Fahrt aus der Haut, solange ihr eine habt, sagt Pollesch, denn die Zukunft wird fürchterlich: Jedes Wort übers Ich ist künftig eine Arbeitsplatzbeschreibung. Aus der Verkettung von Markt und Mensch, der wuchernden Werte- und Wortschöpfung speist sich seine Dramatik.

Ihr Held ist der vernetzte, verchipte Mensch, der mit jeder Körperbewegung einen Sturm auslöst oder eine Bilanz zum Kippen bringt, ohne es zu merken.

Pollesch stellt eine neue Art des Dramatikers dar, atmende Suchmaschine und freche Raubkopie. Seine Arbeitsstrategie verbindet Datenpiraterie und freie Assoziation, die Raublust des Napsters und das Spiel der Synapsen: Hier ist der Synapster des deutschen Theaters. Zurück zu Struwwwelpeter. Ihn inszenieren auf der großen Bühne die Briten Julian Crouch und Phelim McDermott nach dem Kinderhassbuch des Dr. Heinrich Hoffmann mit solcher Lust am Grauen, als wollten sie in die Mundhöhle hinabtauchen, die sich in Edvard Munchs Bild Der Schrei öffnet. Nachtstücke in E. A. Poes und Robert Wilsons (und manchmal auch Loriots) Manier, ein Abwehrzaubervarieté übers ungewollte Leben, hübsch und großteils kunstgewerblich präsentiert. Magie hat hier nur eine: die Chanteuse Wiebke Puls, die ihre hohen Töne wie durch einen unendlichen Kamin zu senden vermag, hinauf in einen Theaterhimmel, zu dem der fürchterliche Dr. Hoffmann glücklicherweise keinen Zugang hat.