Der erste Eindruck ist, zum Glück, grundfalsch. Wer Thomas Harlans Buch Rosa aufschlägt, stolpert zunächst über eine Hand voll Porträtfotos von realen Personen, die in diesem Buch eine Rolle spielen. Schon haben wir uns in den Fußangeln des Dokumentarischen verfangen. Erst dann stoßen wir auf den Titel und darunter auf die Gattungsbezeichnung, und die lautet: "Roman". Rosa ist also ein literarisches Werk, ist Fiktion. Das heißt allerdings nicht, dass dieser Roman nicht seinen authentischen Nährboden hätte.

Der Nährboden ist ein Todesboden, und der befindet sich im Wald nahe dem polnischen Chelmno, das früher Kulmhof hieß und die erste große Massenvernichtungsstätte der Nazis war. Zwischen Dezember 1941 und März 1943 wurden hier knapp hunderttausend Menschen ermordet und vergraben, dann die sterblichen Überreste wieder ausgegraben, mit einer eigens entwickelten Zerstörungsapparatur zermahlen, das Knochenmehl erneut verscharrt, die Hügel planmäßig mit Ginster bepflanzt, alle Zeugen beseitigt. All das, im Buch so bruchstückhaft wie drastisch geschildert, ist leider keine Erfindung Harlans, ebenso wenig die Nachkriegskarriere etlicher Beteiligter in Adenauers sauberer Bundesrepublik.

Harlans Erfindung setzt da ein, wo die Geschichte mit Geschichten verwoben wird. Rosa und Józef, einem ungleichen Paar zweier körperlich versehrter, seelisch verstümmelter, charakterlich keineswegs makelloser Randfiguren des Geschehens, ist das Knochenmehl zur Wohnstatt geworden: sie haben sich eine Erdhöhle in die Ginsterlichtung gegraben, hausen darin jahrzehntelang in einem Dämmerzustand, der faktisch Sühne ist, auch wenn die beiden solche tönernen Worte nicht kennen. Józef war einmal verheiratet man munkelt, seine Frau habe er umgebracht. Rosa wiederum hört nicht auf, an ihren ersten Geliebten zu denken, jenen Franz, der zu den Massenmördern gehörte. Er schwängerte Rosa, wurde dann abkommandiert und nach Triest versetzt, wo ihm ein Geschoss den Kiefer zertrümmerte. Im Glauben, tot zu sein, fantasiert er sein Leben in den Stenoblock des Neurologen Enrico Kavka, der daraus seine Dissertation Die Maderholzsche Umnachtung, ein Versuch über trifokale Wahnstrukturen gewinnt. Eine der Quintessenzen lautet: "Todesursache ist die Kameradschaft." Das alles und vieles mehr, freilich immer nur fragmentarisch mitgeteilt, ist der eine Handlungsstrang des Buches.

Als zweiter legt sich darüber zusehends das Projekt einer Gruppe um den anonymen Berichterstatter, die Geschichte von Rosa und Józef als Die Reise nach Kulmhof zu verfilmen. Treibende Kraft ist zwei Jahrzehnte lang der Theologe und Tiermediziner Richard F., der in Polen Schauplätze und Staatsanwälte aufsucht, in Frankreich zwei der Kriegsverbrecher aufspürt, in Afrika einer Krankheit zum Tode anheimfällt. Ausgerechnet Richard ist es am Ende, der aus dem Filmprojekt aussteigt mit der Begründung, "zwischen Kunst und Sachverstand" hätten seine Mitstreiter "den Sachverstand gewählt". Der Film entsteht nie Sache und Kunst bleiben gleichermaßen auf der Strecke.

Diese Handlung von Rosa kann man sich (vor allem mithilfe der Chronologie am Ende des Buches) bei aufmerksamer Lektüre rasch zusammenklauben, doch umso offenbarer wird, dass es darum nicht eigentlich geht. Es gibt hier keinen Faden, der stringent verfolgt, kein Motiv, das umfassend herausgearbeitet wird, es gibt nur Einzelfacetten, die sich gegenseitig ins Gehege kommen, und es gibt Fragen, die sich nie aufklären. Dass das so ist (und sein muss), hat mit dem Wesenskern des Buches zu tun, mit dem Horror einer Auslöschung, mit dem Nichts, von dem die Menschenexistenz unweigerlich zerfressen wird. Zu begegnen ist dem nicht allein dokumentarisch und auch nicht mit einer reinen Fiktion.

Thomas Harlan hat deswegen zum letzten Hilfsmittel gegriffen, das es gibt: er hat eine dokumentarische Fiktion geschaffen, eine fingierte Dokumentation.

Manche Textteile, die nach (mühselig restaurierten) historischen Dokumenten klingen, erweisen sich bei genauem Lesen als geschickte Erfindung jene vollkommen irrwitzig klingenden Passagen hingegen, in denen der unglaubliche Tötungswahnsinn der Nazis beschrieben wird, bilden in Wahrheit den faktisch verbürgten Kern des Buches. Thomas Harlan kennt diesen historischen Kern so präzis wie wohl kaum ein Zweiter, denn der 1929 in die Ehe der Nazipropagandisten Veit Harlan und Hilde Körber hineingeborene Autor hat eine jahrzehntelange Spurensuche auf der Jagd nach den ehrbaren Verbrechern des Tausendjährigen Reiches hinter sich. Nicht nur etliche Filme und Theaterstücke sind die Frucht dieser Spurensuche, sondern auch gut 2000 Anklagen gegen die von Harlan ermittelten Kriegsverbrecher - und Verfahren gegen Harlan selbst, dessen kompromisslose Recherchen in Polen, Deutschland und Israel als unbotmäßig angesehen wurden.